(Predigt gehalten am Sonntag Oculi in der Stadtkirche Zofingen am 23.02.2025)
[7] Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist für mich zu stark geworden und hast gewonnen. So bin ich jeden Tag zum Gespött geworden, alle lachen mich aus. [8] Immer wenn ich reden will, schreie ich es heraus. »Gewalt und Zerstörung!« muss ich rufen. Das Wort des Herrn ist mir eine Last geworden. Den ganzen Tag bringt es mir nur Hohn und Spott. [9] Ich fasste für mich den Entschluss: Ich denke einfach nicht mehr an ihn. Nie wieder werde ich in seinem Namen reden. Doch da brannte es in meinem Herzen wie Feuer, eingeschlossen in meinem Inneren. Ich versuchte es auszuhalten, schaffte es aber nicht. [10] Ich hörte das ganze üble Gerede: »Er verbreitet um sich herum nur Schrecken! Zeigt ihn an!« – »Ja, lasst ihn uns anzeigen!« Selbst alle, die mir nahestehen, warten nur, dass ich stürze: »Vielleicht schaffen wir es, ihn vorzuführen. Dann können wir ihn packen und uns rächen.« [11] Doch der Herr ist bei mir. Er beschützt mich wie ein starker Held(Jer. 20, 7-11a)
Liebe Gemeinde,
Gewaltige Worte sind es, die wir eben gehört haben, Worte, die aufrütteln, Worte, die auch in uns heutigen Hörern ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Gerade angesichts der jüngsten geschichtlichen Entwicklungen ist der Leser hierbei versucht zu fragen, ob Gott wirklich so ein Diktator ist und sein muss, wie es in unserem Predigttext den Eindruck gibt.
Nun, um die Lage der Propheten verstehen zu können, müssen wir uns darauf besinnen, was der Auftrag der Propheten ist. Der Prophet ist als Bote Gottes unterwegs. Er hat die Aufgabe, das Volk Israel daran zu erinnern, dass Gott ein ganz bestimmtes Ziel mit seinem Volk hat. Dieses Ziel ist aber auf dem aktuellen Weg nicht erreichbar. Dies ist eine Botschaft, die nicht gerne gehört wird. Sie wird sogar als Lästerung gegen den König ausgelegt. Aus diesem Grund wird Jeremia hart bestraft. In dieser Situation hören wir von seinen Lippen das Bekenntnis, das wir als Predigttext soeben gehört haben. Es ist Jeremias fünftes und als solches letztes Bekenntnis. Daraus spürt man die Leidenschaft des Gottesmannes ebenso wie die Schwere des Auftrags. Es ist eine Situation entstanden, aus der keiner der Beteiligten gut rauskommen kann: weder Jeremia, noch sein Volk und auch nicht der König.
Wenn ich diese Worte höre, so bleibe ich zunächst bei der ersten Aussage stecken: Du hast mich überredet, Herr– So hadert der Prophet und stellt dann fest, dass er im Grunde gar keine andere Möglichkeit hatte als zu gehorchen. Keine schöne Vorstellung!
Wenn ich mir überlege, so gibt es kaum etwas, was mir mehr widerstehen würde als in die Ecke gedrängt zu werden, wo man genau eine Möglichkeit hat sich zu entscheiden. Solch einen Zwang stelle ich mir sehr belastend vor. Dem Propheten erging es offensichtlich ähnlich, denn er hadert mit ganz gewichtigen Worten mit Gott, der dies alles zugelassen, bzw. selber verursacht hat. Ich meine, dass wir uns heute deswegen mit diesen Worten von Jeremia beschäftigen sollen, weil uns das Leben oft vor solche Situationen stellt, welche dann in unschöner Regelmässigkeit im Leben auftreten. Egal wie gut und wie gut geplant unser Leben doch läuft, früher oder später kommt jeder von uns in eine Situation, wo es genau eine Möglichkeit gibt, aus jener Situation herauszukommen und weiterzugehen. Und diese eine Möglichkeit ist meistens nicht sehr schön, ja sogar oft verstörend. Ich denke, wenn wir uns dies vorstellen, so ist uns die Lebenssituation des Propheten Jeremia gar nicht so fremd. In eine Lebenssituation geraten, in der der Mensch sich nicht frei fühlt, ist nicht schön. Aber, was kann man im Grunde machen?
Bezeichnend finde ich an der Situation des Propheten eines: er erkennt seine Lage und ist ehrlich, sich selber gegenüber, aber auch Gott gegenüber. Und der Prophet erkennt auch etwas anderes: er ist nicht allein, Gott ist bei ihm. Ist das noch ein Trost? Der vor Kurzem verstorbene Peter Bichsel meinte einmal in Bezug auf Gott, dass er Gott liebe, aber Gott liebt ihn nicht, weil er nicht existiert. Geht es uns heutigen Menschen ähnlich?- frage ich mich. Heute redet man von einer multireligiösen Gesellschaft, in der jeder sich das nimmt auf dem Jahrmarkt der Religionen, was ihm gerade passt. An der Stelle von der Sicherheit des Glaubens ist das Gefühl getreten, dass wir eigentlich allein gelassen sind und demzufolge uns von allen religiösen Angeboten bedienen müssen…
Der Herr ist bei mir, sagt der Prophet unerschütterlich und doch zutiefst erschüttert. Der Herr ist bei mir und dies gibt mir Sicherheit und Trost. Können wir heute noch so reden und denken? Ich denke, das ist der Punkt, wo wir ansetzen können, wollen wir etwas fürs eigene Leben aus den Worten Jeremias herausholen. Es geht doch darum, dass man zunächst die eigene Situation erkennen muss und zwar schonungslos ehrlich, um weiterkommen zu können. Doch, leichter, sehr viel leichter gesagt, als getan. Wenn es um uns selber geht, so sind wir recht erfinderisch. Wir sind erfinderisch, um irgendwelche Ausreden zu erfinden oder gar, um jemandem die Schuld zu geben. Das alles macht unsere Situation nicht besser. Man fühlt sich aber besser. Denn, nicht ich bin der Schuldige, sondern die Umstände, Gott, usw. Dies ist eine gute und bewährte Strategie mit einer Situation umzugehen, die man nur schwer meistern kann. Ist dies aber auch eine Strategie, die uns wirklich hilft?
Ich bin überzeugt davon, dass die Frage, die man sich selber stellen soll, nicht die Frage ist, warum Gott dies oder das im Leben zugelassen hat, sondern dass die Lebensfrage ist: Gott hat dies zugelassen, aber was mache ich daraus? Und das ist der Punkt, wo der Glaube einem tragen soll. Ich darf doch so ehrlich sein und meine Situation vor Gott beklagen wie der Prophet dies auch macht und darauf hoffen, dass er mich trägt. Anderseits aber darf ich doch ehrlich sein und zugeben: ich bin auf die Hilfe Gottes angewiesen, um diese oder jene Situation zu meistern. Ich bin darauf angewiesen sagen zu dürfen als ein Satz der Hoffnung: Der Herr ist bei mir…
Der Prophet Jeremia hat es schwer. Er hat einen klar definierten Auftrag. Dies ist alles andere als leicht. Wir hören aus seinem Wort, dass er gerne etwas anders machen würde, aber die Macht des Auftrags lastet schwer auf ihn. Er kann letztlich nicht anders als diesen Auftrag annehmen, dementsprechend zu handeln auch dann, wenn dies für ihn gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. Und die Schwierigkeiten sind wirklich zahlreich wie es auch aus dem Bericht von Jeremia zu entnehmen ist. Eine der Schwierigkeiten ist, dass der Mensch,, aus der Gesellschaft ganz schnell ausgegrenzt wird sofern er konsequent ein Ziel verfolgt. Die Frage ist wieder, wie wir mit dieser Situation umgehen. Der Prophet bemängelt, nein, er bemängelt nicht nur, es tut ihm weh, dass Menschen sich plötzlich gegen ihm stellen, mit denen er im Frieden gelebt hat. Ja, wenn vermeintliche Freunde sich gegen uns stellen, so ist das alles andere als ein schönes Gefühl- es kann weh tun. Aber, und dies ist die bleibende Mahnung dieses Bibelverses: der Lebensauftrag hat Vorrang. Es ist keine leichte Entscheidung und auch nicht etwas, was man ohne weiteres hinnehmen kann, denn Menschen sind uns wichtig und die Freunde sind unersetzlich, die einen im Leben begleiten. Deswegen schmerzt es den Propheten sehr, dass sich sogar seine Freunde gegen ihn gestellt haben. Umso wichtiger ist, sich an dem zu halten, was einem Halt, Trost und Zuversicht bieten kann, daran zu halten, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern bei uns ist. Ebenso wichtig ist aber sich darauf zu besinnen, was die Ursache der Entfremdung in unserem Leben ist.
Der Prophet aus unserem Predigttext wird, um dieses moderne Wort zu verwenden, «gemobbt». Das heisst, er wird verspottet und ausgegrenzt, belächelt und beleidigt. Das ist eine normale Reaktion von Menschen, die mit einer für sie neuen Situation nichts anfangen können. Das, was da geschieht ist nicht schön, aber es ist nun mal Tatsache, dass es geschieht, nicht nur damals, sondern auch heute. Eigentlich geht es letztendlich darum zu verstehen, dass man nicht immer mit dem Mainstream mitlaufen muss. Man darf auch anders, aber man muss bereit sein, die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen. Und genau darin können wir Halt in unserem Predigttext finden.
Der Prophet hat vieles verloren, aber eines hat er unter gar keinen Umständen verloren: Gottes Beistand. Er liebt Gott und ist sich sicher, dass Gott an seiner Seite steht. Der Prophet hat an vielem gezweifelt und bisweilen wirkt er sogar verzweifelt, aber er zweifelt nie daran, dass Gott das letzte Wort hat im Leben des Menschen. Wenn wir uns dies vor Augen halten, so leuchten die Worte Jeremias auch für uns. Man kann vieles verlieren. Es ist ganz sicher, dass man vieles aus dem Leben verbschieden muss, wenn man sich nach Gott richten will. Aber bei all dem ist es wichtig zu sehen, dass Gott uns nie verlieren wird. Wir dürfen die Frage stellen, ob er bei uns ist, aber wir dürfen darauf vertrauen, dass er das jeden Tag neu tut. Gott kann von uns vieles, vielleicht sogar ganz wichtige Dinge nehmen, aber sich selbst lässt er uns für immer als Halt und Trost, als Gesprächspartner, mit dem man auch hadern kann, als Freund, auf den Verlass ist.
Der Prophet zeigt uns, was es heisst auf Gott zu vertrauen, nämlich darauf, dass wir für immer ein Gegenüber haben, mit dem man streiten und hadern kann, bei dem man aber sicher davon ausgehen darf, dass seine Liebe unverändert bleibt und uns Menschen trägt in vielen verschiedenen Situationen des menschlichen Lebens. Dies ist auch dann wahr, wenn wir den Satz «Der Herr ist bei mir» mit Fragezeichen versehen, oder wie Peter Bichsel dies getan hat, Gott sehr kritisch lieben.
Amen