ER schreit nicht

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Predigt gehalten in der Stadtkirche Zofingen, 19.01.2025

[1] Seht, das ist mein Knecht, zu dem ich stehe. Ihn habe ich erwählt, und ihm gilt meine Zuneigung. Ich habe ihm meinen Geist gegeben. Er sorgt bei den Völkern für Recht.
[2] Er schreit nicht und ruft nicht laut. Seine Stimme schallt nicht durch die Straßen.
[3] Ein geknicktes Schilfrohr zerbricht er nicht. Einen glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er bleibt seinem Auftrag treu und sorgt für Recht.
[4] Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht durchgesetzt hat. Sogar die fernen Inseln warten auf seine Weisung.
/Jes. 42,1-4/

Liebe Gemeinde,

Wir befinden uns in einer Zeit des Kirchenjahres, die wir immer noch zur Weihnachtszeit zählen. In der traditionellen Ordnung des Kirchenjahres richten sich daher die Predigten darauf, was Gott für die Welt tat, indem er seinen Sohn in diese Welt geschickt hat. Heute haben wir als Predigttext einen Text aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört, in dem es gerade um den Gesandten Gottes geht. Ich lade Sie dazu ein, noch einmal einen genaueren Blick darauf zu werfen, was der Gesandte oder Knecht Gottes alles bedeutet und was dieser Erwählte Gottes alles für die Welt machen soll. In der Originalsprache des Alten Testaments ist unser Predigttext ein Gedicht mit eindrucksvollen sprachlichen, mitunter auch spielerischen Lösungen, die man so nicht ohne Weiteres wiedergeben kann. Auch in der Übersetzung der Basisbibel, die wir als Predigttext gehört haben, klingt noch die stille Feierlichkeit mit, mit der der Gottesknecht eingesetzt wird, um seinen Auftrag zu erfüllen. Gottes Gesandter hat eine bestimmte Funktion in der Welt und auch in der Geschichte. Dies wird aus dem Text des Jesajabuches mehr als deutlich. Doch was ist diese Funktion, und vor allem, was bedeutet sie für den heutigen Menschen?

Ich denke, wenn wir unseren Predigttext genau anschauen, dann wird daraus mehr als deutlich, dass es hierbei darum geht, wie Gott mit seiner Schöpfung und ganz speziell, wie Gott mit dem Menschen umgeht. Er, der als Schöpfer der Welt die Schöpfung ins Leben rief und sie immer noch erhält, kommt in der Person seines Knechtes zu den Menschen. In der jüdischen Theologie gibt es eine eindrückliche Lehre darüber, wie Gott mit seiner Schöpfung umgeht. Dort heißt es, dass Gott am Anfang alles in allem war und alles erfüllte. Um seiner Schöpfung Platz zu machen, zog sich Gott so weit zurück, dass Raum für sie geschaffen wurde. Ich finde diese Lehre aufschlussreich, gerade in Bezug auf unseren Predigttext. Denn Gott, der Schöpfer, zieht sich nicht so zurück, dass er den Menschen sich selbst überlässt, sondern er kommt in der Gestalt seines Knechtes zu uns.

Was macht aber diesen Knecht aus? Ich denke, zunächst sollten wir darauf achten, was diesen Knecht zu seinem Auftrag befähigt. In unserem Predigttext wird es deutlich ausgedrückt: diesem Knecht gilt Gottes Zuneigung. Martin Buber hat es so übersetzt: „das ist mein Knecht, an dem ich halte, mein Erwählter, dem meine Seele gnadet“. Wenn auch etwas umständlich ausgedrückt, bringt diese Übersetzung genau das zur Sprache, was den Erwählten Gottes ausmacht. In ihm wird deutlich, dass Gott sich seinen Geschöpfen in Gnade zuwendet. Es geht also primär nicht um eine abstrakte Rechtssprechung und auch nicht unbedingt nur um eine „Inpflichtnahme“. Hier geht es um ein Exempel für die Welt. Der, der zu den Menschen kommt im Auftrag des Schöpfers, hat selbst die Gnade erfahren und kann somit die Gnade in diese Welt bringen.

Ich denke, dies ist ein Punkt, an dem es sich lohnt, stehen zu bleiben. Denn was bedeutet Gnade eigentlich? Im theologischen Sprachgebrauch ist dieser Begriff inflationär verwendet worden. Er galt als die „Lösung“ für scheinbar unlösbare theologische Fragen. Gnade in diesem Sinne ist aber ganz sicher keine Geheimwaffe. Der Gottesknecht, der zu den Menschen kommt, macht es deutlich: Gnade heißt in diesem Zusammenhang nicht nur, gesehen zu werden, sondern mit allen Eigenschaften, mit der ganzen Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Gnade heißt, dass ich davon ausgehen kann, dass der Schöpfer dieser Welt mich als sein Geschöpf wahrnimmt, und zwar so, dass ich sicher sein kann, dass ich in meiner Ganzheit gesehen werde.

Ich denke, dies ist ein wichtiges Wissen, auch für den heutigen Menschen. Der Gottesknecht stellt mir exemplarisch vor Augen, wie Gott auch mit mir umgeht. Gnade zu erfahren ist meiner Meinung nach etwas, das den Menschen dazu befähigen kann, menschlicher zu werden. Denn wenn ich so gesehen werde, wie ich bin, nimmt das  Druck aus meinem Leben. Wenn ich davon ausgehen kann, dass die Gnade des Schöpfers mich hält und mir sicher ist, mindert das den Druck der Selbstverwirklichung, unter dem wir Menschen allesamt stehen. Eine der ersten Sachen, die uns im Leben beigebracht wird, ist, dass wir uns selbst verwirklichen sollen. Dies ist so weit auch in Ordnung, solange es nicht anderen Menschen zur Last fällt. Doch genau das können wir nicht garantieren. Der zu uns kommende Gott macht uns deutlich, dass es auch eine andere Möglichkeit für uns gibt: dem Weg des Gottesknechtes zu folgen, in der Gewissheit, dass ich nicht unter den Erwartungen und Lasten zusammenbrechen muss, denn er ist mit uns, genauso wie er mit seinem Knecht da ist. Unser Dasein und So-Sein in der Welt, ist also nicht durch unsere Leistungen garantiert und dementsprechend auch nicht davon abhängig. Unser Dasein und So-Sein wird uns durch Gott zugesprochen, durch seine Gnade garantiert. Es wird uns als Möglichkeit geschenkt. Wie wir damit umgehen, was wir aus diesem Geschenk machen, ist dann unsere Sache. Gott zwingt uns ebenso wenig, wie er seinen Knecht nicht zwingt, gibt ihm jedoch Halt, Kraft und Unterstützung in allem.

Der Gottesknecht aber, den wir in unserem Predigttext beschrieben bekommen haben, hat eine besondere Herangehensweise. Es geht darum zu sehen, dass er nicht nach den herkömmlichen Verhaltensweisen und Schemen handelt. Gottes Knecht ist nicht dem Zwang der Selbstverwirklichung und Profilierung unterworfen. Still und geduldig, ja mit einer seelsorgerlichen Milde, kommt er zu den Menschen, um ihnen dann im Auftrag Gottes die Botschaft von der befreienden Gnade zu verkündigen. Ich denke, die im Predigttext beschriebene Verhaltensweise des Gottesknechtes ist auch für uns heutige Menschen aufschlussreich. Im Gegensatz zu Ungestüm,Selbstüberschätzung und Marktgeschrei bleibt der Erwählte Gottes still und verwirklicht so seinen Auftrag. Ich finde es aufschlussreich und sehr interessant, dass sein Auftrag offensichtlich auch, wenn auch nicht ausschließlich, in seinem stillen Dasein besteht. In einer Gesellschaft, in der sich alles um die gelungene Präsentation dreht, ist dieser Ruf aus unserem Predigttext geradezu ernüchternd. Gottes fragile Präsenz im Leben – das ist der Auftrag des Gottesknechtes.

Für viele ist dies einerseits zu viel, andererseits viel zu wenig konkret. Was soll man damit anfangen? Ich denke, es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wie wir in der modernen Welt leben. Unser Leben, und ich denke, das können wir alle wahrnehmen, ist in hohem Maße von Bildern bestimmt. Bilder sollen etwas darstellen. Bilder können beliebig bearbeitet werden . Bilder, sagen im Grunde nichts über den wahren Menschen aus. Bilder stellen die Wahrheit und Wirklichkeit des eigenen Lebens dar, zugleich aber sollen sie auch verhüllen. Bilder haben eine Macht über uns, vor allem, weil sie die Emotionen in uns ansprechen. Gottes fragile Präsenz im Leben bietet uns keinerlei bombastische Bilder. Gott ist in der Person seines Knechtes da, bescheiden und still, aber präsent. Gottes stilles Dasein im Leben bietet ein Fundament, auf dem man aufbauen kann. Ich denke, in einer Welt, in der vieles – wenn auch hoffentlich nicht alles – um den Schein und das Ansehen geht, bietet uns der Gottesknecht eine Alternative, um anders zu leben.

Der Gottesknecht schreit nicht. Wenn man sich selbst sicher ist, wenn man in sich selbst ruht, braucht man die lauten Kundgebungen nicht, um einen Platz in der Welt für sich zu beanspruchen. Auch hier ist es merkwürdig, wie sich das Leben entwickelt: Immer wieder müssen wir Menschen unseren Platz im Leben laut und deutlich erstreiten. Hierbei geht es gar nicht mehr um einen Wettbewerb, sondern um das, was Horst Eberhard Richter als die Egomanie des Menschen bezeichnet hat. Gefangen und verfangen in unserem eigenen Ich, brauchen wir die Bestätigung, dass wir einen Platz im Leben haben. Dies erstreiten wir uns dann oft mehr als lautstark. Gottes Angebot an uns in der Person seines Knechtes ist die andere Vorgehensweise. Durch seine fragile Anwesenheit in der Welt macht uns Gott darauf aufmerksam, dass wir auch die zerbrechlichen, verletzlichen Seiten des Lebens zulassen dürfen. Er machte sich selbst zerbrechlich und verletzlich, damit wir als Menschen mit allen Facetten des Lebens wahrgenommen werden.

Der Erfolg des Gottesknechtes liegt aber nicht in ihm selbst. Der Erfolg des Auftrages wird ihm von Gott geschenkt. Der Erfolg ist darin begründet, dass Gott seinen Knecht hält und schützt. Ich denke, dieses Wissen sollte auch für uns nicht verloren gehen: Er hält nicht nur seinen Knecht, sondern auch uns. Er ist nicht nur seinem Volk damals nahegekommen, sondern dieser ganzen Welt. Wir dürfen in der Stille Gottes hineinhören und unsere Seele mit diesem Wissen erfüllen: Er schreit nicht … aber er ist mit uns.                        Amen

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