(Predigt gehalten in Vordemwald am Sonntag Reminiscere am 16.03.2025)
[13] Darauf antwortete Jesus: »Wer von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder Durst bekommen.[14] Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fliesst und fliesst – bis ins ewige Leben.« [15] Da bat ihn die Frau: »Herr, gib mir dieses Wasser! Dann habe ich nie mehr Durst und muss nicht mehr herkommen, um Wasser zu schöpfen.«[16] Jesus sagte zu ihr: »Geh, ruf deinen Mann und bring ihn her!« [17] Da antwortete die Frau: »Ich habe keinen Mann.« Jesus sagte zu ihr: »Es stimmt, wenn du sagst: ›Ich habe keinen Mann.‹ [18] Denn fünfmal warst du verheiratet, und der, mit dem du jetzt zusammen bist,ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt.« [19] Da sagte die Frau: »Herr, ich sehe: Du bist ein Prophet! [20] Unsere Vorfahren haben Gott auf dem Berg dort verehrt. Aber ihr behauptet, dass sich in Jerusalem der richtige Ort befindet, um Gott zu verehren!« [21] Da antwortete Jesus: »Glaub mir, Frau: Es kommt die Stunde, in der ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem verehren werdet.(Joh. 4,13-21)
Liebe Gemeinde,
Eine wahrlich sonderbare Geschichte ist es, die wir an diesem Sonntag als Predigttext gehört haben. Es ist eine sonderbare Begegnung von Jesus von Nazareth mit einer Frau, die eigentlich gar keinem Menschen begegnen möchte. Und dennoch geschieht in dieser Geschichte so einiges, was unser Leben und unser Verständnis von Wirklichkeit und von Gott in ein anderes Licht rückt.
Die Bedingungen dieser Begegnung sind alles andere als gewöhnlich oder günstig. Jesus ist unterwegs in einem Gebiet, dessen Bewohner den Israeliten gegenüber, gelinde gesagt, nicht freundlich gesinnt sind. Und Jesus geht trotzdem diesen Weg. Dabei wird er durstig und begegnet dieser Frau am Brunnen. Wenn es nicht ausreichen würde, dass er als Mann eine Frau anspricht, kommt erschwerend hinzu, dass hier ein Israelit eine Samaritanerin anspricht. Wie gesagt, die Bedingungen sind suboptimal. Und dennoch wächst aus dieser Begegnung etwas, das das Leben dieser Frau verändern wird.
Ich denke, es lohnt sich, einen Blick auf unseren Predigttext zu werfen, der allerdings nur einen Ausschnitt aus der ganzen Geschichte präsentiert. Wir befinden uns mitten im Gespräch. Da dreht sich zunächst alles um das Wasser. Wasser hatte und hat für uns Menschen einen hohen Stellenwert, ganz besonders aber in Regionen, in denen grosse Hitze und Dürre herrschen, wie in dem Gebiet, von dem hier die Rede ist. Wasser ist lebensnotwendig. Insofern kann die Frau die Bitte Jesu um einen Schluck Wasser zumindest nachempfinden.
Sobald aber ihre Antwort negativ ausfällt, hört sie etwas, das ihr gut strukturiertes Weltbild ins Wanken bringt. Jesus bezieht sich auf die offensichtliche Lage und verwendet das Bild des Wassers, um über seinen eigenen Auftrag zu sprechen. Der Wunderrabbi von Nazareth redet plötzlich über etwas, das wichtiger ist als das Wasser im Alltag. Nichtsdestotrotz eignet sich das Bild des Wassers dazu, die Wichtigkeit der Frage nach Gott klar und deutlich darzustellen. Denn letztendlich geht es im ganzen Gespräch darum, welche Bedeutung Gott für den Menschen haben kann und haben soll.
Ich persönlich finde das Bild des fliessenden Wassers nicht nur aufschlussreich, sondern auch sehr schön. Das fliessende Wasser stellt für mich in aller Deutlichkeit dar, dass Gott wirklich und wahrhaftig anders ist als wir Menschen, denn er lässt sich nicht in starre Klischees oder Schubladen einpressen. Das Bild von fliessendem Wasser drückt für mich sehr schön aus, dass Gott im Leben des Menschen viele verschiedene Gestalten annehmen kann. Wenn man ein fliessendes Gewässer beobachtet, so entstehen darauf in jedem Augenblick unterschiedliche Schatten, Muster und wohl auch Farben. Gottes Anwesenheit im Leben des Menschen hat ebenso viele verschiedene, von den jeweiligen Umständen bestimmte Formen. Natürlich wäre es ein Leichtes, Gott ein für alle Mal zu besitzen oder zumindest genau zu wissen, wie Gott ist. Doch Gott lässt sich so nicht besitzen.
Im Gespräch will die Samaritanerin genau dies. Sie will dieses Wasser HABEN und entlarvt sich dadurch als Vertreterin oder Sinnbild des Menschen, der Gott besitzen und das Göttliche einfangen möchte. Doch genau dies kann nicht eintreffen. So wie das fliessende Wasser aus unseren Händen herausrinnt, sobald wir es zu fassen versuchen, genau so kann man Gott nicht besitzen oder als Monopol für sich beanspruchen. Allerdings bleibt der Versuch dafür eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Wir wollen besitzen. Wir wollen haben. Wir wollen die Sicherheit, dass etwas uns gehört. Doch Gott ist kein Etwas, das uns gehören könnte. Gott ist ein lebendiger Gott, der sich nicht besitzen lässt. Die Samaritanerin muss im Laufe des Gesprächs Schritt für Schritt einsehen, dass ihre Annahmen falsch waren. Mit der Gottheit Gottes konfrontiert, wird ihr bewusst, dass sie einen anderen Weg einschlagen muss als bisher.
Für mich stellt diese Geschichte aber eine andere, nicht weniger bedeutende Frage – und zwar die Frage nach der Orientierung im Leben. Die beiden Protagonisten unserer Geschichte zeigen zwei verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit des Lebens.
Einerseits haben wir Jesus, der als Sohn Gottes eigene Werte und Gesetze in das Leben des Menschen bringt. Er ist bereit, Grenzen zu überschreiten, weil er den Menschen sieht. Jesus ist bereit, zu den Menschen zu gehen, wenn sie ihn brauchen – auch dann, wenn dafür mancherlei Grenzen überschritten werden müssen. Grenzen haben für ihn keine absolute Macht, gerade aus dem Grund, weil er weiss, dass allein Gott absolut ist. Er ist frei genug, dem Menschen in dieser Freiheit entgegenzutreten.
Die andere Protagonistin der Geschichte, die Samaritanerin, ist nicht so ganz frei. Sie ist an mancherlei Gesetze ihrer Welt gebunden und kann sich vorerst nicht davon befreien. Sie weiss, wie die Dinge zu laufen haben, auch dann, wenn es in ihrem Leben nicht alles so ist, wie es sein sollte. Sie will ihr Gesicht wahren, koste es, was es wolle, und tritt so gegen Jesus auf.
Ihr Verhalten finde ich mehr als interessant. Es scheint ihr sicherer, innerhalb der eigenen Grenzen zu agieren, als auch nur ein kleines Stück darüber hinauszugehen. Allerdings: als Frau hatte sie bestimmt viele Erfahrungen gemacht, die ihr ihren Platz in der Gesellschaft immer wieder deutlich gemacht haben … also zweitklassig. Sie lernt einiges im Laufe des Gesprächs. Zunächst aber tritt sie als Gegenpol zu Jesus auf.
Ich denke, diese Momentaufnahme des Gesprächs zwischen Jesus und der Samaritanerin zeigt deutlich, wie es oft im Leben zwischen Gott und Mensch verläuft. Gott kommt in aller Freiheit zu den Menschen, aber der Mensch bleibt lieber innerhalb der bekannten Grenzen und Sicherheiten. Ein Schritt in die Freiheit bedeutet nämlich, etwas davon aufgeben zu müssen. Ein Schritt in die Freiheit bedeutet, dass der Mensch bereit ist, etwas zu riskieren – in dem Wissen, dass Gott ihn immer wieder auffängt. Diesen Schritt des Glaubens zu wagen, erfordert aber einiges vom Menschen.
Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie das Leben von uns Menschen immer wieder davon bestimmt und beherrscht wird, was wir erleben. Unsere Erlebnisse bestimmen unseren Zugang zur Wirklichkeit, aber auch unsere Reaktionen auf neue, bis dahin unbekannte Situationen. So sind wir Menschen erschaffen. Es ist nichts Falsches daran, sich an dem zu orientieren, was man kennt, und Entscheidungen so zu fällen, dass die eigenen Erlebnisse mit einbezogen werden. Allerdings könnte es sein, dass die eigenen Erlebnisse die Möglichkeit nehmen, die Perspektive der Freiheit Gottes überhaupt wahrzunehmen.
Die Samaritanerin orientiert sich an dem, was sie kennt, und wie sie konditioniert wurde und entscheidet sich auf dieser Basis – und liegt falsch. Das Bild vom lebenswichtigen Wasser mag ihre Augen nicht für die Wirklichkeit des Gottessohnes öffnen, der vor ihr steht. Doch dann kommt die Wendung im Gespräch, die sie ganz persönlich trifft, ja erschüttert.
Es wird klar, dass Jesus ihr grosses und gut gehütetes Geheimnis kennt. Jesus will die Frau nicht erniedrigen. Dennoch erschüttern seine Worte ihr Leben in seinen Grundmauern. Als alles offenbar wird, was sie verbergen wollte, wird sie zunächst unsicher und erkennt dann, dass in diesem Moment etwas Einmaliges mit ihr geschieht. Sie erkennt, dass Jesus jemand Besonderes ist, und bittet ihn um das lebendige Wasser…
Allerdings ist sie immer noch in dem Rahmen gefangen, den sie kennt. Sie orientiert sich an dem, was sie kennt, und meint vielleicht, eine gewisse Sicherheit gewinnen zu können. Sie will immer noch besitzen, auch wenn sie nicht weiss, wie genau das gehen soll.
Ich denke, darin ist diese Frau ein Sinnbild für uns Menschen in unserem Bestreben nach Sicherheiten, nach einsehbaren Wegen, nach überschaubaren Perspektiven.
Dass Gott all das nicht ist und nicht bedeutet, verunsichert uns Menschen auch heute noch. Ähnlich wie die Samaritanerin ist auch der heutige Mensch bestrebt, sich nach dem zu richten, was er hat und was er kennt. Das Bekannte bietet Sicherheit, das Bekannte ist das, wonach man sich richtet.
Was aber, wenn die bekannten Kategorien nicht mehr genügen? Was, wenn die bekannten Entscheidungshilfen versagen? Dann muss etwas anderes her – etwas, das uns Menschen hilft, das Leben lebenswerter zu gestalten.
In der Passionszeit richtet sich unsere Aufmerksamkeit immer wieder darauf, was Gott für uns Menschen getan hat und immer noch tut: nämlich uns die Freiheit der Gotteskinder zu schenken. Ich denke, gerade im Hinblick auf unseren Predigttext sollten wir dies nicht vergessen.
Ich finde es bezeichnend, wie diese Frau auf die Worte von Jesus reagiert, denn auch dies ist zutiefst menschlich. Sie klammert sich an das, was sie kennt, und fragt nach dem, worin sie eine Chance sieht, es begreifen zu können. Genau das ist es, was wir Menschen immer wieder tun, wenn wir mit Gottes Gottheit konfrontiert werden. Wir suchen nach dem, was wir kennen und können, und halten daran fest.
Die Frau muss lernen, die gewohnten Sicherheitskrücken hinter sich zu lassen. Sie muss es wagen, sich auf die Seite Gottes zu stellen, wenn sie eine wirkliche Veränderung im Leben erfahren will. Genau das tut sie dann auch.
Ich denke, gerade in der Passionszeit erinnert uns diese Geschichte besonders an unsere eigenen Prämissen – aber auch daran, dass Gott für die Seinen eintritt, selbst wenn die Grundmauern des Lebens erschüttert werden. Wer es wagt, sich an Gott statt an Gewohnheiten zu orientieren, erfährt, was es heisst, die Quelle des lebendigen, fliessenden Wassers gefunden zu haben. Wer es wagt, so zu leben, erlebt die Freiheit der Gotteskinder, die uns immer wieder neu geschenkt wird. Wir werden dazu befreit, uns nach Gott und nicht nach etwas oder jemand anderem zu richten – und dafür dürfen wir dankbar sein.
Amen.