(Predigt gehalten in der Stadtkirche Zofingen am Sonntag Sexagesimae, den 23.02.2025)
[9] In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Makedonien stand vor ihm und bat: »Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!« [10] Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Makedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher:Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden.
[11] Von Troas aus setzten wir auf dem kürzesten Weg nach Samothrake über.Einen Tag später erreichten wir Neapolis.
[12] Von dort gingen wir nach Philippi. Das ist eine bedeutende Stadt in diesem Teil Makedoniens und eine römische Kolonie. In dieser Stadt blieben wir einige Zeit. [13] Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss. Wir nahmen an, dass dort eine jüdische Gebetsstätte war. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die an diesem Ort zusammengekommen waren. [14] Unter den Zuhörerinnen war auch eine Frau namens Lydia. Sie handelte mit Purpurstoffen und kam aus der Stadt Thyatira. Lydia glaubte an den Gott Israels. Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten von Paulus aufmerksam zuhörte. [15] Sie ließ sich taufen zusammen mit ihrer ganzen Hausgemeinschaft. Danach bat sie: »Wenn ihr überzeugt seid, dass ich wirklich an den Herrn glaube, dann kommt in mein Haus. Ihr könnt bei mir wohnen!« Sie drängte uns, die Einladung anzunehmen.(Apostelgeschichte 16,9-15)
Liebe Gemeinde,
Eine seltsame Geschichte ist dies mit dem Traum von Paulus! Man neigt dazu, sie nicht ohne Weiteres zu glauben und eher den Kopf darüber zu schütteln, dass dies ernsthaft der Beginn der Mission in Europa gewesen sei. Wie auch immer, die Bibel liefert uns gerade diesen Bericht. Paulus träumt und wagt es danach, einen anderen Weg einzuschlagen als vorher geplant. Interessant für mich dabei ist ganz besonders wie Paulus Kontakte knüpft in das für ihn fremde Land. Man könnte es auch als eine Meisterleistung der Kommunikation nennen, was da passiert. Er geht hin und findet jemanden, der ihn aufnimmt und ihm die Möglichkeit bietet, wirksam in einer fremden Umgebung zu sein. Was ist es, was Paulus dieser Frau sagen kann- frage ich mich. Was kann er, der gebildete Pharisäersprössling einer damaligen Geschäftsfrau gesagt haben?
Der Verfasser der Apostelgeschichte will uns deutlich aufzeigen, dass Gottes Wege nicht immer die einfachsten und naheliegendsten sind. Zugleich zeigt er uns auch, dass Gott uns Menschen ernst nimmt und uns immer einen Weg zeigt, auch dann, wenn diese Wege nicht immer die konventionellen Wege sind. Ich denke, wenn wir jetzt in unserer Landeskirche über neue Wege, über neue Möglichkeiten in unserer Arbeit nachdenken, tut es gut, sich daran zu erinnern, was uns gerade diese Geschichte über die unkonventionellen Wege Gottes aufzeigt.
Im heutigen Gottesdienst hören wir also einen Text, in dem von einem Traum und dessen Konsequenzen die Rede ist. Paulus träumt. Dieser Traum verändert einiges im Leben von vielen Menschen. Mich macht diese Geschichte nachdenklich und zwar aus mehreren Gründen. Als erstes finde ich es interessant, dass Paulus bereit ist, die eigenen Pläne zu verändern. Wir befinden uns nun in der Vorpassionszeit, wo wir bereits jetzt daran erinnert werden, dass Gott für uns bereit war, das grösste Opfer zu erbringen. Es fragt sich aber, wie weit wir bereit sind, unsere vorgefertigten Meinungen zu ändern oder gar anders zu denken und zu handeln als dies gemeinhin üblich ist. Oder- sind wir dazu bereit und daran gewöhnt? Wie weit sind wir überhaupt bereit, uns darauf einzulassen, dass es ausser unserer eigenen Meinung auch noch andere gibt, die genauso berechtigt sind wie unsere Ideen? Ich denke, eine der schwersten Lebensaufgaben überhaupt ist, sich das einzugestehen, dass möglicherweise meine Wege nicht die Wege sind, welche mich zum Ziel führen. Paulus ist das Paradebeispiel dafür. Er hat in seinem Leben gelernt, dass Gott Menschen so im Leben führt, dass man Wege kennenlernt, die man sonst nicht einmal bemerkt hätte. Ich denke, am heutigen Sonntag ist gerade dies eine besondere Botschaft des Sonntags: wie weit bin ich bereit, das Gewohnte zu hinterfragen? Und mit Hinterfragen ist noch nicht gemeint, dass ich etwas ändern muss, bloss die Bereitschaft Fragen zu stellen. Ich bin in einem kirchlichen und gesellschaftlichen System aufgewachsen, in dem Fragen zu stellen einer der gröbsten Fehler war, den man machen konnte und der mit ganz deutlichen Konsequenzen verbunden war. Deshalb weiss ich, dass es nicht einfach ist sozusagen «gegen den Strom zu schwimmen». Allerdings ist stehen bleiben und keine Fragen zu stellen auch nicht eine Option, welche ich in Betracht ziehen würde. Was mir auch klar ist, dass dies leichter gesagt ist als getan. Meist bleibt nur ein frommer Wunsch im Raum hängen. Denn, ob wir es zugeben wollen oder nicht, uns sind unsere Gewohnheiten lieb geworden. Und ich meine, nicht nur die guten Gewohnheiten. Weil sie so vertraut sind, tun wir uns schwer damit, sie zu verabschieden. In der Geschichte, die wir gehört haben, muss Paulus lernen, gerade diesen Widerstand zu durchbrechen. Er muss die Kultur, die er kennt und die Sprache, die ihm vertraut ist, verlassen und in einem anderen Raum für das Evangelium Gottes einzustehen, wo er weder Sprache, noch Kultur versteht. Ich denke, dies ist wahrlich eine enorme Herausforderung und ein radikaler Schritt. Aber anders geht es nicht. So wie es uns Jesus Christus vorgelebt hat, muss der Mensch lernen, einzustehen für das, was er glaubt Sonst kann er es ganz sein lassen. Die inneren «Wächter» in unserem Leben sind stark. Es erfordert einiges an Mut, den Schritt in der Richtung einer Veränderung zu tun. Paulus ist es gelungen. Ich frage mich, was denn sein Schlüssel zum Erfolg war.
Ich meine die Antwort darin gefunden zu haben, dass der Apostel der Heiden mit einer tief empfundenen Solidarität mit seinen Mitmenschen verbunden ist. Dies ermöglicht ihm Kontakt aufzunehmen mit Lydia, aber auch, dass er die richtigen Worte zur richtigen Zeit findet. Von uns heutigen Menschen wird nichts so Radikales verlangt. Allerdings können und dürfen wir nicht auf Zeichen der Solidarität verzichten. Gerade Menschen, die Schwierigkeiten im Leben haben, die ein wenig Raum zum Aufatmen brauchen, sind auf uns angewiesen. Durch unser Handeln setzen wir Zeichen in der Welt. Es ist nicht einerlei, welche Zeichen wir setzen.
Die Zeichen der Solidarität, die wir als Kirche und Kirchgemeinde immer wieder setzen, sind wichtige Akzente in einer Welt, in der solches Denken störend geworden ist. Aber eben, es sind die «Akzente»… Es muss auch einen Inhalt geben, zu denen die Akzente hinzukommen und so eine besondere Note ausmachen. In der Vorpassionszeit macht uns die Geschichte von Jesus Christus und seinen Jünger darauf aufmerksam, wie wichtig es doch ist, dass man die Inhalte lebt, die einem das Leben bestimmen. Denn, ohne einen lebendigen Glauben kann das Christentum nicht auskommen. Ohne einen lebendigen Glauben kann der Mensch auch in 21. Jahrhundert nicht menschenwürdig leben. Dazu gehört aber auch die Fähigkeit zu träumen und zu versuchen, die Träume zu verwirklichen.
Paulus sah einen Traum. Dieser hat für ihn Konsequenzen gehabt. Denn, in diesem Traum ist er dazu aufgerufen worden von dem zu reden, was ihm wichtig war, nämlich von der Liebe und der Gnade Gottes, in einem Wort zusammengefasst im Begriff : «Evangelium».
Ich frage mich, was wir heutigen Menschen unter dem Wort «Evangelium» verstehen. Spürt man noch die freudige Botschaft dahinter, dass im Leben keine Mächte und Gewalten, sondern Gott das letzte Wort hat? In einer Welt, in der wir Menschen gewohnt sind, das scheinbar letzte Wort in unseren eigenen Angelegenheiten zu sagen, sind wir da noch bereit zu akzeptieren, dass wir nur das «vorletzte Wort» haben? Wer dies lernt, wird anders denken und handeln. In der Passionszeit haben wir in den Kirchen diverse Aktionen und Aktionstage, an denen wir versuchen, Gutes zu tun, den Menschen zu helfen und dadurch die Welt ein wenig zu verändern. Und das Gute daran ist, dass man keine Minute zu warten braucht. Paulus hält keine Grundsatzreden, sondern handelt in dem Bereich, in dem er handeln kann: Er verändert seine Reiseplanung und macht dadurch deutlich, dass das Evangelium Gottes für ihn wichtig ist. In der Vorpassionszeit und, somit auch an diesem Sonntag, sind wir gefragt: wie weit träumen wir vom Evangelium Gottes? Und wenn wir dies tun, – wie weit sind wir bereit, etwas in unserem Leben zu verändern, sei es auch noch so klein? In der «Brot für Alle» Kampagne der christlichen Kirchen der Schweiz lesen wir als Motto : « Hunger frisst Zukunft». Wir wollen aber eine Zukunft für uns aber auch für diese Welt.
Ja, wenn man das Evangelium Gottes ernst nimmt, so verändert dies einiges im Leben eines Menschen, eröffnen sich sogar Zukunftsperspektiven. Menschen, die es wagen zu träumen und die bereit sind, dafür einiges in Kauf zu nehmen, hat die Kirche immer nötig. Wir sind dazu da, um Zeichen des Evangeliums zu setzen in einer Welt, in der dies weitgehend fremd geworden ist.
Denn letztlich geht es darum: Paulus muss den Menschen nahe kommen, so wie Gott zu uns Menschen gekommen ist. Und das ist die Aufgabe, welche sich auch heute nicht geändert hat. Auch wir müssen unsere Mitmenschen bewusst wahrnehmen und dabei vielleicht die gleiche Entdeckung wie Paulus machen. Wenn wir bereit sind, kleine Zeichen des Evangeliums zu setzen, so werden wir vielleicht entdecken, dass es nicht nur zwischen den Schriftgelehrten Paulus und der Geschäftsfrau Lydia, sondern auch zwischen uns und unseren Mitmenschen mehr Gemeinsamkeiten gibt als wir annehmen. Vielleicht werden wir dann entdecken, dass die befreiende Botschaft des Evangeliums uns auch frei macht, kritische Fragen zu stellen und dafür einzustehen, was wir als wichtig und richtig erkannt haben. Das geht aber gar nicht anders als durch Taten der Solidarität und der Liebe. Dass wir in unserem Leben solche Zeichen setzen dürfen, dafür können wir dankbar sein.
Amen