Verbunden durch die Liebe

/Predigt gehalten in der Stadtkirche Zofingen am 14. Mai 2026- Auffahrt/

[20] »Ich bete nicht nur für sie. Sondern ich bete auch für alle, die durch ihr Wort zum Glauben an mich kommen.

[21] Sie sollen alle untrennbar eins sein, so wie du, Vater, mit mir verbunden bist

und ich mit dir. Dann können auch sie mit uns verbunden sein. Dann kann auch diese Welt glauben, dass du mich gesandt hast.

[22] Ich habe ihnen die Herrlichkeit weitergegeben, die du mir geschenkt hast.

Denn sie sollen eins sein, so wie wir eins sind.

[23] Ich bin mit ihnen verbunden und du mit mir, damit sie untrennbar eins sind. Daran soll diese Welt erkennen: Du hast mich gesandt, und du liebst sie, so wie du mich liebst.

[24] Vater, du hast sie mir anvertraut. Ich will, dass sie mit mir dort sind, wo ich dann bin. Sie sollen mich in meiner Herrlichkeit sehen, die du mir geschenkt hast. Denn du hast mich schon geliebt, bevor die Welt erschaffen wurde.

[25] Gerechter Vater, diese Welt hat dich nicht erkannt. Aber ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.

[26] Ich habe dich bei ihnen bekannt gemacht  und werde es weiter tun. Dann bleibt die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch bei ihnen. Und so bleibe ich mit ihnen verbunden.«

/Joh. 17, 20-26/

Liebe Gemeinde,

Wir feiern heute Himmelfahrt. Würde man die Menschen fragen, was unter diesem Fest zu verstehen sei, so würden vermutlich ziemlich viele in Verlegenheit kommen. Denn mit allen anderen Festen kann man immerhin etwas mehr oder minder Handfestes verbinden. Aber mit der Himmelfahrt? Feiern wir das Fehlen von Jesus? Kann man überhaupt ein Fehlen feiern? Und wie steht es denn mit uns, den Menschen des 21. Jahrhunderts, die etwas aus der Bibel für ihr eigenes Leben schöpfen möchten? Ist die Himmelfahrt Jesu für uns heute noch von Belang oder ist es nur noch ein Dogma, das man leicht beiseitelassen kann, damit unsere menschlichen Bedürfnisse auf einem anderen Gebiet bestätigt werden können? Ich meine nicht, dass wir die Himmelfahrt Jesu aus dem Blick verlieren sollten, besagt doch das Bild etwas, das für uns wesentlich ist: Die Himmelfahrt Jesu sagt uns, dass wir einen Gott haben, der wirklich und wesentlich anders ist als wir Menschen, und gerade in dieser seiner Andersheit zu uns ist er den Menschen ganz nahegekommen.

Reichlich verwirrend ist diese Aussage gerade in Anbetracht des Festes, an dem wir feiern, dass Jesus gen Himmel gefahren ist. Doch was können wir unserem Predigttext für unser Leben abgewinnen?

Ich lade Sie nun dazu ein, dass wir uns dieser Frage anhand des eben gehörten Predigttextes stellen: Was habe ich davon, wenn ich weiss, dass wir einen Gott im Himmel haben?

Auffahrt steht für einen Gott, der zwar nicht mit menschlichen Mitteln einzufangen ist, der aber mit seiner Liebe den Menschen ganz nahekommt.  Wie einen roten Faden zieht sich durch unsern Bibeltext die Aussage: Gott liebt den Sohn und dadurch liebt er die Welt. Diese Liebe zu seiner Schöpfung hat er gezeigt in der Person von Jesus von Nazareth. Jesus ist kein Kumpel von uns, wohl aber ein Freund des Menschen, der unsere Anliegen bei Gott bestens vertreten kann und vertreten will. Deshalb die eindrückliche Satz: «Ich bete für sie…»

Wie soll aber dies mit dem Anliegen Jesu aus unserem Predigttext zusammenhängen, in dem von einer Verbindung die Rede ist – eine Verbindung zwischen Jesus und Gott, zwischen dem Sohn und dem Vater? Wo haben wir Menschen da noch Platz? Denn egal, wie wir dies drehen und wenden: Das Evangelium nach Johannes macht deutlich, dass es auch darum geht, dass die Menschen einen Platz bei Gott haben . Dieser Platz ist durch die Liebe von Gott für uns bereitgestellt. Was aber auch  ganz klar aus unserem Bibeltext deutlich wird, hier geht es nicht um eine von uns bestimmte symmetrische Beziehung zwischen Gott und Mensch. Die grundsätzliche Asymmetrie zwischen Schöpfer und Geschöpf bleibt erhalten auch dann, wenn Jesus und  Menschen auf      Augenhöhe, als seinen Geschwistern begegnet und uns in jene liebevolle Beziehung zu Gott einbindet.

Die Himmelfahrt Christi steht dafür, dass wir in der Person Jesus Christus einen Helfer und Fürsprecher haben, der uns hilft, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen. Aber nicht nur das: Wir haben einen Fürsprecher, der sich in einem entscheidenden Punkt von allen Fürsprechermodellen, die wir kennen, unterscheidet. Er ist nämlich kein Fürsprecher, der sachlich objektiv ist und bleibt, sondern jemand, der uns aufrichtig liebt. Er ist jemand, der uns in die besondere Beziehung, welche er zu Gott pflegt, explizit aufnehmen will. Nun, die Frage ist aber immer noch, ob und was uns dieser besondere Fürsprecher bringt.

Bei der Definition von Fürsprecher ist es eine der Bedingungen, dass dieser Mensch imstande sein soll, eine gewisse Distanz zu den Problemen der ihm Anvertrauten einzunehmen und somit wirklich helfen zu können. Es geht darum zu sehen, dass der Mensch nur dann eine Situation im Leben richtig einschätzen kann, wenn er fähig und willens ist, eine gewisse Distanz einzunehmen. Doch genau dies ist das Problem: Sind wir in einer Situation drin, so sind wir meistens nicht fähig, unsere Situation korrekt und objektiv wahrzunehmen und danach zu handeln. In solchen Situationen empfiehlt es sich, einen Freund, eine Freundin oder einen Coach zu Rate zu ziehen – eben einen Fürsprecher, der nicht in der aktuellen Situation von uns gefangen ist. Dadurch, dass sie selbst nicht in der Situation sind, aber an unserer Seite stehen, können diese Menschen uns gute Ratschläge geben. Es ist dabei klar, dass sie sich nicht an unserer Stelle entscheiden können. Die Probleme lösen sich nicht von selber, aber man bekommt eine andere Perspektive auf den ganzen Problemkomplex.

Damit kommt dann der gen Himmel gefahrene Menschensohn ins Bild und ganz speziell seine durch die Liebe Gottes bestimmte Beziehung zu dem Vater und zu uns. Kann eine Freundin, ein Freund oder ein Coach uns gute Hinweise dazu geben, wie wir handeln könnten oder gar sollten, weil sie eine gewisse Distanz zu unseren Problemen haben, wie viel mehr gilt dies für den Gottessohn, der zugleich auch als wahrer Mensch für uns da ist. Der wichtigste Unterschied zwischen menschlichen Ratgebern und Gott ist allerdings der, dass Gott in Jesus Christus uns nahegekommen ist, ja sich mit uns identifiziert, um uns zur Hilfe zu kommen. Er liebt uns, ohne sich von dieser Liebe blenden zu lassen. Man kann es vielleicht auch so ausdrücken, dass der gen Himmel gefahrene Gottessohn, der in Liebe mit uns verbunden bleibt, im Grunde eine stabile Brücke der Liebe zwischen uns und Gott bedeutet.

Die Himmelfahrt Christi signalisiert uns schon durch die räumliche Terminologie, dass es hierbei darum geht, Distanz und Verbundenheit richtig einzuschätzen: Distanz zu den Problemen des Menschen, um besser helfen zu können, und Verbundenheit mit dem Menschen, um wirklich helfen zu wollen. Der gen Himmel gefahrene Gottessohn kann und will dem Menschen helfen. Das darf an Auffahrt gefeiert werden.

Ein grosser Denker des 20. Jahrhunderts hat es so formuliert: Gott schuldet uns nichts. Und es stimmt: Er, der Schöpfer der Welt, schuldet uns nichts. Er verpflichtet sich aber selber, treu zu seinem Bund mit uns Menschen zu stehen. Er zeigt uns immer wieder seine Liebe gerade in und durch die Person von Jesus Christus. In dieser ganz besonderen Liebe hat auch der Mensch, haben wir alle, Platz. Christus, der gen Himmel gefahren ist, hat uns seinen Heiligen Geist als Garant dieses Bundes geschickt. Gottes Geist ist ein Geist der Liebe und der Besonnenheit, wie es an anderer Stelle in der Bibel heisst.

Weil es so ist und weil die Beziehung Gottes zu uns durch seine Liebe bestimmt ist, macht dies  uns möglich, auf eine ganz andere Dimension des Lebens zu schauen. Sicherlich ist es so, dass uns dies in Bezug auf unseren Alltag nicht allzu viel zu helfen scheint. Was nützt mir die Liebe von Jesus? Was nützt mir die Liebe von Gott, wenn ich mit ganz schweren Problemen zu kämpfen habe? Denken wir aber ein wenig nach: Wer sich in eine solche Dimension eingebettet weiss, wer sich der Liebe Gottes sicher ist, kann diverse, auch ganz alltägliche Sachen mit einer gewissen Gelassenheit nehmen.

In einer Welt, in der alles durch Leistung bestimmt ist, ist eine solche Lebenshaltung ein Bekenntnis: Sie ist ein Bekenntnis zu dem Gott, der seinen Sohn in die Welt geschickt hat, der uns ermöglicht, in aller Freiheit anders zu denken und zu handeln. Und diese Freiheit braucht der Mensch – mehr denn je. Die Liebe Gottes mag uns an Gott binden, aber sie macht uns zugleich auch auf eine ganz besondere Art frei.

Im Heidelberger Katechismus, einem der wichtigsten Bekenntnisse der Reformationszeit, haben die reformierten Theologen deutlich gemacht: Die Himmelfahrt Christi macht deutlich, dass er uns mit „seiner Gewalt wider alle Feinde schützt und erhält“. Jesus macht deutlich, dass es bei ihm darum geht, dass alle, die sich mit ihm verbunden fühlen, durch seine Liebe zu Gott nicht nur an jener speziellen Kraftquelle teilhaben, welche seine Beziehung zu Gott bedeutet, sondern auch, dass diese Menschen den Schutz Gottes in ihrem Leben erfahren dürfen. Schutz aber – egal, wie sich das Leben seit der Antike verändert hat – braucht auch der heutige Mensch.

Dieser Schutz mag sich heute vielleicht anders manifestieren als früher, aber nötig ist er dennoch. Interessant ist es dabei, dass sich diese Schutzbedürftigkeit nicht nur in prominenten Momenten des Lebens zeigt, sondern auch in ganz alltäglichen Situationen. Denn ob wir dies wollen oder nicht: Auch in unserem Leben gibt es mehr als genug Momente, in denen wir den eisernen Zwang von vermeintlichen „Sachzwängen“ fühlen. Geben wir nach, so sind wir gefangen in einem Kreis, dessen Anfang in uns und dessen Ende ebenfalls in uns selber ist. Und da gibt es kein Entkommen aus eigener Kraft, kein Licht hinter den Mauern unserer Ängste: Nur wir sind da als Mittelpunkt unserer kleinen Welt – und die Ängste um uns herum als Grenzen.

Doch genau da ist es wichtig, ja sogar lebenswichtig, dass man um die andere Dimension Gottes weiss, dass man weiss, dass wir bei Gott einen Fürsprecher haben, der uns versteht und der uns durch seinen Heiligen Geist durchs Leben begleitet. Wenn das geschieht, so geschieht genau das, was Jesus in seinem Gebet beschreibt: Dann bleibt die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch bei ihnen. Und so bleibe ich mit ihnen verbunden.

Amen

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