/Predigt gehalten am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2026 in der Kirche Vordemwald/
[31] Seht, es kommt eine Zeit, da werde ich einen neuen Bund schliessen. Mit dem Haus Israel und dem Haus Juda werde ich ihn schliessen.– Ausspruch des Herrn –
[32] Dieser Bund wird anders sein als der Bund, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe.Damals habe ich ihre Vorfahren an der Hand genommen und sie aus Ägypten geführt.
Aber sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war!
– So lautet der Ausspruch des Herrn.
[33] In Zukunft soll es einen neuen Bund geben. Mit dem Haus Israel will ich ihn schließen.– So lautet der Ausspruch des Herrn.
Und das wird der neue Bund sein: Ich werde meine Weisung in sie hineinlegen und sie in ihr Herz schreiben. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.
[34] Sie werden einander nicht mehr belehren. Keiner wird zum anderen sagen: »Erkenn doch endlich, wer der Herr ist!« Nein, sie alle werden mich kennen, vom Kleinsten bis zum Grössten.– Ausspruch des Herrn –
Denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben und nicht länger an ihre Sünde denken.
/Jeremia 31, 31-34/
Liebe Gemeinde,
am heutigen Sonntag zwischen Auffahrt und Pfingsten hörten wir einen Predigttext, in dem es um den Bund, um den neuen Bund und um Gottes Versprechen an sein Volk geht. Frei sein von allen Altlasten – wer von uns wünscht sich das nicht? Frei sein von allem, was mein Leben beeinträchtigt, mich zurückwirft und überhaupt … Ich denke, kaum ein Mensch kann sich diesem Wunsch entziehen. Denn ob wir es wollen oder nicht: Altlasten, in welcher Form auch immer, schleppen wir auf unseren Lebenswegen mit uns.
In unserem Predigttext verspricht Gott seinem Volk, dass diese Altlasten nicht mehr belastend auf den Schultern der Menschen liegen werden; man wird sich nicht mehr daran erinnern. Mehr noch: Gott verspricht, nicht mehr an die Sünde seines Volkes zu gedenken. Ein wunderschönes Bild und eine wirklich bereichernde Vorstellung von einem Gott, der nicht wie ein kleinkarierter Buchhalter mit dem menschlichen Leben umgeht.
Die Worte unseres Predigttextes stammen aus einem Teil des Jeremiabuches, den die Bibelwissenschaftler als „Trostrolle“ bezeichnen. Es handelt sich um Texte, in denen der Verfasser seine Adressaten mit Gottes Versprechen ganz bewusst trösten will. Der Prophet redet zu einem Volk, das sich in einer völlig aussichtslosen Lage befindet. Sie haben alles verloren, was ihnen lieb und teuer war. Ihr Leben wurde von heute auf morgen völlig umgestellt. Nichts war mehr, wie es früher war.
Zu den veränderten Umständen kam noch die Unsicherheit hinzu, wie es mit dem Leben des Volkes und des Einzelnen weitergehen wird. Es gab keine Gemeinschaft mehr, die Halt geben konnte. Die Menschen waren als Einzelne auf sich selbst gestellt. Verbitterung machte sich im Volk breit, besonders im Leben des Einzelnen, denn man hatte etwas anderes erwartet.
Eigentlich erwartete man, dass der Gott Israels in die Geschichte eingreifen würde, um alles geradezubiegen, was seine Diener falsch gemacht hatten. Man erwartete, dass der lebendige Gott sein Volk trotz aller Verfehlungen, Fehleinschätzungen und grundfalschen Entscheidungen retten würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Israeliten mussten erkennen: Jetzt folgen die längst angekündigten Konsequenzen ihres Handelns.
Es ist kein schönes Gefühl – auch dann nicht, wenn man im Grunde weiss, dass Gott all dies durch seinen Propheten Jeremia angekündigt hat. Die Bitterkeit und das Unverständnis eines ganzen Volkes richten sich auf einen Menschen, und der muss stellvertretend Rede und Antwort stehen. Jeremia schreckt davor nicht zurück. Ganz im Gegenteil: Er wagt es, in dieser verzweifelten Situation von Hoffnung zu sprechen.
Nicht umsonst sind diese Worte Jeremias in voller Länge in den Hebräerbrief aufgenommen worden und stellen dort das längste Zitat des Alten Testaments dar. Denn in diesen Trostworten geht es um etwas Wesentliches, das das Leben der Menschen mit Gott auszeichnet: um die Erkenntnis, dass Gott ein persönlicher Gott ist, der seine Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten möchte.
Wenn wir unseren Predigttext näher betrachten, finden wir darin den ersten Hinweis darauf, wie dieser Gott ist – in der Formulierung, dass er sein Volk an der Hand nahm und es so aus der Sklaverei führte. Allein diese Vorstellung ruft starke Bilder in uns hervor. Vielleicht bin ich nicht der Einzige, der sich daran erinnert, wie seine Eltern ihn an der Hand nahmen, als er klein war und laufen lernen musste. Auch später war es für mich als Kind tröstlich, die Hand meines Vaters halten zu können.
Für mich ist dieses Bild – ein Kind, das die Hand des Vaters hält – zutiefst tröstlich. Denn es macht deutlich, dass ich als Mensch nicht allein bin, dass ich immer wieder mit Gott rechnen kann. Jeremia erinnert seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen an diese väterliche Eigenschaft Gottes, aber auch daran, dass diese enge Verbindung von Seiten des Menschen gekündigt wurde. Der Bund, diese tiefe Verbindung zwischen Gott und seinem Volk, hat unter den Entscheidungen des Menschen gelitten.
Ist das das Ende? Viele Zuhörerinnen und Zuhörer Jeremias meinten das. Diese Erkenntnis machte sie zunächst verzweifelt und danach verbittert. So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Schliesslich – so meinten viele – sei es doch Gottes Aufgabe, auf sein Volk aufzupassen. Doch so einfach ist es nicht. Auch wenn Gott auf seine Menschen achtet, müssen sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen.
Das zu erkennen ist keine schöne Einsicht und schon gar nichts, was man leicht verarbeiten kann. Genau deshalb ist Gottes Versprechen so wichtig: Ich werde euch einen neuen Bund schenken. Denn darum geht es hier: Befreit von Altlasten darf der Mensch frei zu Gott kommen und sich in seiner Nähe entfalten.
Der Prophet spricht unmissverständlich von der Hoffnung für die Zukunft. Und genau das ist es, was der Mensch zwar hört, aber nicht ganz glauben kann. Wir neigen dazu, nur das wahrzunehmen, was wir wahrnehmen wollen. Wir denken oft gar nicht daran, dass es auch andere Perspektiven gibt. Den Menschen zur Zeit Jeremias ging es nicht anders.
Sobald sich Perspektiven einengen, klammert man sich an das, was geblieben ist. Man hält mit aller Kraft fest, was man noch hat. Genau deshalb ist es wichtig, auf die Worte Jeremias zu achten, in denen von Hoffnung und Neubeginn die Rede ist – aber auch davon, dass Gott sein Volk begleiten möchte.
Solange man von aktuellen Problemen überlastet ist, verliert man die Orientierung. Genau das geschah damals. Gefangen in Beziehungen und belastet durch Verluste verloren die Menschen das Ziel ihres Weges aus den Augen. Und genau das soll nicht geschehen. Denn wenn der Mensch das Ziel verliert, fehlt ihm jede Motivation, weiterzugehen oder neu anzufangen.
Darum ist es wichtig, auf die Worte des Propheten zu hören, der unsere Aufmerksamkeit neu auf das Ziel richtet. Die Aussage ist klar: Es gibt eine Zukunft – und diese Zukunft trägt eine eindeutige Botschaft.
Wer das Alte Testament kennt, weiss: Gott gab seine Weisung, die Tora, durch Mose. Mose als Vermittler sorgte dafür, dass sie eingehalten wurde. Die Gotteserkenntnis war also stark an menschliche Vermittlung gebunden. Dadurch entstand die Gefahr, Gott nur aus menschlichen Voraussetzungen heraus zu verstehen.
Das führte dazu, dass menschliche Vorstellungen die Richtung der Gotteserkenntnis bestimmten. Die Menschen haben für sich selber entschieden, wie Gott zu sein hat. Die lebendige Beziehung zu Gott – dieses „An-der-Hand-Nehmen“ – ging verloren. Es liegt in der Natur der Sache: Wenn der Mensch allein, aus sich heraus, Gott erkennen will, gerät er irgendwann in eine Sackgasse.
Der lebendige Gott passt nicht in menschliche Schubladen, egal welcher Art. Wenn der Mensch nur von sich ausgeht, führt das oft zu Belehrung – und diese ist selten hilfreich, oft verletzend und moralisch überladen. Die Geschichte Israels, aber auch die allgemeine Geschichte, zeigt diese Tendenz deutlich. Die berühmte Schweizer Journalistin Margrit Sprecher hat im letzten Interview gesagt, dass es für sie belastend ist, wie sich Journalisten in einen Zustand der „Empörungsbereitschaft“ versetzen. Mir scheint, dies trifft nicht nur auf die Journalisten zu. Der moderne Mensch scheint sich in diesem Zustand wohlzufühlen, und dies führt oft zu moralisch überladener Belehrung in mancherlei Situationen.
Wir müssen aber, um ein Beispiel zu finden, nicht in Gesellschaftstheorien suchen. Denken wir nur an unsere eigene Kindheit und Jugend. Viele von uns waren überzeugt, ihr Leben besser im Griff zu haben als die eigenen Eltern – und haben das vielleicht auch deutlich gesagt. Rückblickend erkennen wir: Das war verständlich, aber auch zu kurz gedacht.
Wir gingen von unseren eigenen Voraussetzungen aus und vergassen, dass das Leben anders verlaufen kann. So erging es auch dem Volk Israel. Ihre Systeme funktionierten im Ernstfall nicht, weil sie zu sehr auf menschlichen Voraussetzungen beruhten und den lebendigen Gott nicht einfangen konnten.
Und genau hier steht Gottes Verheissung: ein neuer Anfang, unbelastet und frei. Wer das annimmt, lernt Dankbarkeit – und vielleicht auch Bescheidenheit oder sogar Demut. Wer um diesen Neuanfang weiss, sieht andere Menschen mit neuen Augen. Und wenn das geschieht, wird Belehrung überflüssig.
Möge Gott uns so begleiten, dass wir jeden Tag mehr auf Belehrung verzichten, unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen freier gestalten und uns jeden Tag neu bewusst machen: Wir haben einen Gott, der mit uns geht. Er leitet uns mit dem Geist der Liebe und Besonnenheit, damit ich als Mensch ein Stück weit auf Belehrung verzichte und Gottes Handeln in meinem Leben Platz einräume.
Amen.
