Kirche und Gesellschaft: Grundzüge meines Verständnisses
Ausgangspunkt: Kirche ist Teil der Gesellschaft und mehr als das
Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Gesellschaft stellt sich für mich nicht als Frage nach zwei getrennten Grössen, die nachträglich in Beziehung gesetzt werden müssen. Kirche lebt mitten in der Gesellschaft. Ihre Glieder sind Bürgerinnen und Bürger, ihre Gebäude stehen in Dörfern und Städten, ihre Fragen sind die Fragen der Menschen ihrer Zeit. Zugleich versteht sie sich nicht als blosser Teil des gesellschaftlichen Betriebs. Sie lebt von einem Zuspruch, den sie sich nicht selbst gegeben hat. Aus dieser doppelten Zugehörigkeit ergibt sich die Spannung, in der evangelische Kirche steht: Sie ist in der Gesellschaft und lebt doch nicht aus ihr.
Diese Spannung ist kein Defizit, das aufgelöst werden müsste. Sie ist die Bedingung dafür, dass Kirche der Gesellschaft etwas zu sagen hat. Eine Kirche, die vollständig in der Gesellschaft aufginge, hätte keine eigene Stimme mehr. Eine Kirche, die sich von ihr abschottete, würde bedeutungslos.
Kirche als Gemeinschaft der Mündigen
Das evangelische Kirchenverständnis geht vom mündigen Menschen aus. Kirche ist nicht die Institution einer Priesterschaft, die für andere glaubt und entscheidet. Sie ist die Gemeinschaft derer, die gemeinsam hören, urteilen und Verantwortung tragen. Das Priestertum aller Gläubigen ist deshalb nicht bloss ein Lehrsatz, sondern eine Strukturfrage: Es entscheidet darüber, wie Kirche geleitet wird, wer an Entscheidungen beteiligt ist und wie Verantwortung verteilt wird.
Für das Verhältnis zur Gesellschaft hat das weitreichende Folgen. Eine Kirche aus Mündigen bildet mündige Bürgerinnen und Bürger. Sie ist ein Ort, an dem man lernt, Verantwortung zu übernehmen, Meinungen auszuhalten, Entscheidungen zu begründen und in der Auseinandersetzung beieinander zu bleiben. Ihr gesellschaftlicher Beitrag besteht nicht allein in dem, was sie öffentlich sagt, sondern auch in dem, was sie intern einübt.
Eschatologische Öffentlichkeit: der besondere Ort der Kirche
Wenn Kirche weder in der Gesellschaft aufgeht noch sich von ihr trennt, stellt sich die Frage, welchen Ort sie in der Öffentlichkeit hat. Meine Antwort lautet: Kirche hat einen eigenen öffentlichen Raum, den ich als «eschatologische Öffentlichkeit» bezeichne. Gemeint ist damit eine Öffentlichkeit, die nicht von den Mehrheitsverhältnissen, den Moden oder den Machtkonstellationen der jeweiligen Gegenwart bestimmt wird, sondern von der Zukunft Gottes her. Die Gemeinde versammelt sich im Vorgriff auf das, was Gott verheissen hat. Sie lebt aus einer Hoffnung, die über das gesellschaftlich Machbare hinausreicht.
Daraus ergibt sich eine besondere Stellung. Die Kirche ist öffentlich, denn sie handelt sichtbar, hörbar und verantwortlich in der Welt. Aber sie ist es auf eine eigene Weise. Sie muss sich nicht den Spielregeln des gegenwärtigen Diskurses unterwerfen, um gehört zu werden. Gerade weil sie ihren Grund nicht in der Zustimmung der Mehrheit hat, kann sie dem vereinfachenden Mainstream einen Gegenraum entgegensetzen: einen Ort, an dem andere Massstäbe gelten, an dem Fragen offenbleiben dürfen und an dem der Mensch mehr ist als sein Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft.
Diese Öffentlichkeit eröffnet der Kirche einen anderen Ausgangspunkt und einen grösseren Handlungsspielraum, als sie oft nutzt. Eine Kirche, die sich selbst nur als einen Anbieter auf dem «religiösen Markt» versteht, verschenkt dieses Potenzial. Sie wird austauschbar. Eine Kirche, die um ihre eschatologische Öffentlichkeit weiss, gewinnt dagegen Gelassenheit und Freiheit: Sie muss nicht jedem Trend folgen, und sie kann dort widersprechen, wo es nötig ist.
Kirche als Gegenüber und als Gegenraum
Zu den Erfahrungen, die mein Verständnis von Kirche geprägt haben, gehört die Einsicht, dass Kirche unter Druck ein Raum sein kann, in dem Menschen ihre Würde bewahren. Wo gesellschaftliche Verhältnisse Menschen klein machen, kann die Gemeinde zum Gegenraum werden: zu einem Ort, an dem der Mensch mehr ist als seine Funktion und an dem man sich gegenseitig stärkt, ohne sich anzupassen. Unter den Bedingungen eines totalitären Systems kann das für den Einzelnen eine Frage des Überlebens sein.
Diese Funktion beschränkt sich nicht auf Ausnahmesituationen. Auch in freiheitlichen Gesellschaften gibt es Logiken, die Menschen auf Leistung, Nützlichkeit oder Konsum reduzieren. Kirche hat hier eine kritische Aufgabe. Sie hält fest, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Verwertbarkeit abhängt. Sie tut das nicht aus Überlegenheit, sondern weil sie selbst davon lebt, dass ihr Wert nicht auf eigener Leistung beruht.
Kirche und die Kritik an Machtstrukturen
Aus dem Gegenraum folgt die Aufgabe der Kritik. Kirche hat die Pflicht, Machtstrukturen zu hinterfragen, in der Gesellschaft und in sich selbst. Das gehört zu ihrem Auftrag, denn Macht neigt dazu, sich zu verselbständigen und Menschen verfügbar zu machen. Wo Menschen zu Mitteln werden, wo Würde verletzt wird oder wo Schwache übergangen werden, darf Kirche nicht schweigen.
Diese Kritik hat einen theologischen Grund. Wenn Gott allein das Zentrum ist, dann darf kein menschliches System, keine Ideologie, keine Institution und keine Person absolute Geltung beanspruchen. Jeder Absolutheitsanspruch ausser dem Gottes selbst ist zu relativieren. Das macht Kirche kritisch gegenüber politischen und wirtschaftlichen Mächten ebenso wie gegenüber Ideologien, die schnelle und einfache Antworten versprechen. Im Zeitalter von Polarisierung und Vereinfachung ist das eine besonders wichtige Aufgabe.
Drei Formen dieser Kritik scheinen mir wesentlich:
- Kritik an Entwürdigung. Kirche benennt, wo Menschen erniedrigt, entrechtet oder beschämt werden. Das Kriterium einer anständigen Gesellschaft, in der Institutionen Menschen nicht demütigen, ist hier ein hilfreicher Massstab.
- Kritik an Vereinfachung. Kirche widersteht Diskursen, die komplexe Wirklichkeit auf Feindbilder und Parolen reduzieren. Sie hält Fragen offen, wo vorschnelle Antworten Menschen ausgrenzen.
- Kritik an der eigenen Macht. Kirche ist selbst eine Institution mit Einfluss, Ämtern und Entscheidungsstrukturen. Wer Machtkritik übt, muss sie auch an sich selbst üben. Eine Kirche, die Machtmissbrauch in der Gesellschaft benennt, in den eigenen Reihen aber toleriert, verliert ihre Glaubwürdigkeit.
Diese Kritik darf allerdings nicht in Selbstgerechtigkeit münden. Kirche steht nicht ausserhalb der Verhältnisse, die sie kritisiert. Sie lebt von der Vergebung und kann deshalb mit Fehlern, auch den eigenen, gelassener umgehen. Ihre Kritik zielt darauf, Menschen aufzurichten, und nicht darauf, andere herabzusetzen.
Öffentliche Verantwortung der Kirche
Aus dem Gesagten folgt, dass Kirche und Theologie öffentliche Verantwortung tragen. Die reformatorische Tradition hat von Anfang an gesamtgesellschaftliche Fragen im Blick gehabt: Bildung, Fürsorge, Recht, Politik und Wirtschaft. Kirche hat sich nie auf einen privaten Frömmigkeitsraum zurückgezogen. Diese Tradition verpflichtet auch heute.
Öffentliche Verantwortung bedeutet allerdings nicht, für alles eine Stellungnahme zu haben. Kirche darf weder zur Moralagentur werden, die zu jedem Thema ein Urteil bereithält, noch zum Echo vorherrschender Meinungen. Ihre Aufgabe ist es, an die Würde jedes Menschen zu erinnern, Erniedrigung beim Namen zu nennen und Menschen in schwierigen Lagen nicht allein zu lassen. Wo sie spricht, tut sie das mit Begründung, mit Bescheidenheit und mit der Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen.
Dazu gehört auch die Sorge für die Verfahren und Haltungen, in denen eine Gesellschaft zusammenlebt. Kirche kann das Kriterium der Würde in öffentliche Debatten einbringen, ohne dafür ein umfassendes Programm vertreten zu müssen.
Kirche in der pluralen und säkularen Gesellschaft
Die Stellung der Kirche in der Gesellschaft hat sich verändert. Die Bindung an die Landeskirchen nimmt in weiten Teilen Europas ab. Zugleich ist das Interesse an Spiritualität und Religion nicht verschwunden, es sucht sich andere Formen. Der moderne Mensch ist nicht «religiös unmusikalisch» geworden. Religiosität hat sich vom verfassten Raum der Kirche teilweise in andere Räume verlagert.
Für die Kirche bedeutet das eine doppelte Aufgabe. Sie muss erstens die neuen Formen von Religiosität ernst nehmen, statt sie vorschnell abzuwerten oder zu vereinnahmen. Sie muss zweitens ihr eigenes Profil klären. Wer in einer pluralen Gesellschaft bestehen will, braucht Klarheit darüber, wovon er lebt. Das Bedürfnis nach Räumen, die Identität stiften, ist legitim und bei vielen Menschen stark. Eine Kirche, die nur noch Offenheit und Vielfalt betont, wird dieses Bedürfnis nicht erfüllen. Eine Kirche, die sich nur über Abgrenzung definiert, wird Menschen ausschliessen und der Gesellschaft nichts mehr zu sagen haben.
Die Aufgabe besteht darin, Identität und Offenheit zusammenzuhalten: ein Profil zu zeigen, ohne sich abzuschliessen, und gesprächsbereit zu sein, ohne sich zu verlieren. Die eschatologische Öffentlichkeit gibt dafür den Rahmen. Wer aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft lebt, muss Identität nicht durch Abgrenzung sichern. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft kann Kirche so ein Ort sein, an dem Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben.
Kirche und Verletzlichkeit
Ein Massstab für das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft ist der Umgang mit Menschen am Rand: mit Kranken, Trauernden, Gescheiterten und Menschen in Grenzsituationen. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter darin, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Das gilt auch für die Kirche.
Hier entscheidet sich, ob Kirche ihrem Grund entspricht. Sie ist nicht dazu da, über Menschen zu urteilen, die gescheitert sind, sondern sie zu begleiten. Ihr Beitrag besteht in Zuwendung, im Zuhören und in der Zusage, dass ein Mensch mehr ist als sein Scheitern. Diese seelsorgliche Haltung ist zugleich ein gesellschaftlicher Beitrag und eine Form von Machtkritik: Sie widerspricht einer Kultur, die Schwäche verbirgt und Scham entweder verdrängt oder als Waffe benutzt.
Die Kirche und ihre Strukturen
Kirche lebt nicht nur von Überzeugungen, sondern auch von Strukturen: von Ämtern, Ordnungen, Gremien und Verfahren. Die Frage, wie Ämter verstanden, wie Ordination und Leitung gestaltet und wie Aufsicht wahrgenommen wird, ist deshalb keine blosse Organisationsfrage. Sie betrifft das Selbstverständnis der Kirche und ihre Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft.
Eine Kirche, die Mündigkeit predigt, muss sie auch in ihren Strukturen ermöglichen. Sie muss Beteiligung zulassen, Macht begrenzen und Entscheidungen nachvollziehbar machen. Das ist die praktische Seite der Machtkritik: Kirche muss ihre eigene Ordnung so gestalten, dass Autorität dient und nicht beherrscht. Wo das gelingt, wird sie für die Gesellschaft zu einem Beispiel dafür, wie Gemeinschaften verantwortlich geleitet werden können. Wo es misslingt, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit, gerade dort, wo sie öffentlich spricht.
Dazu gehört auch die Verbindung der Kirchen untereinander. Evangelische Kirchen in Europa stehen in einer Gemeinschaft, die ihre Verschiedenheit anerkennt und trotzdem gemeinsam handelt. Das ist ein Modell für ein Miteinander, das Einheit nicht mit Gleichförmigkeit verwechselt. Kirchen in der Minderheit oder in der Diaspora zeigen zudem, dass Kirche auch dort Gestalt gewinnt, wo sie nicht von gesellschaftlicher Mehrheit getragen wird.
Theologie zwischen Kirche und Öffentlichkeit
Akademische Theologie hat ihren Ort zwischen Kirche und Gesellschaft. Sie dient der Kirche, indem sie deren Rede prüft, vertieft und korrigiert. Sie dient der Gesellschaft, indem sie religiöse Fragen verständlich und diskutierbar macht. Beide Aufgaben gehören zusammen. Eine Theologie, die nur für die Kirche spricht, verliert den Anschluss an die Öffentlichkeit. Eine Theologie, die nur für die Öffentlichkeit spricht, verliert ihren Grund.
Deshalb braucht Theologie den Austausch in beide Richtungen: das Gespräch mit Gemeinden und kirchlichen Gremien und das Gespräch mit Rechtswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Religionswissenschaft. Ebenso wichtig ist, dass sie ihre Ergebnisse zugänglich macht. In einer digitalisierten Welt gehört es zur Verantwortung der Wissenschaft, nicht nur für Fachkreise zu schreiben, sondern Wissen offen und verständlich zur Verfügung zu stellen.
Ich verstehe meine Mitarbeit in kirchlichen Kommissionen, in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern und in der Arbeit der Gemeinde als Teil dieser Verantwortung. Sie bindet Theologie an die Praxis und schützt sie vor der Gefahr, sich in sich selbst zu drehen.
Zusammenfassung
Kirche und Gesellschaft stehen nach meinem Verständnis in einem Verhältnis, das sich so beschreiben lässt:
- Zugehörig und unterschieden: Kirche lebt mitten in der Gesellschaft, ohne aus ihr allein zu leben.
- Mündig: Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die Verantwortung tragen, und bildet damit auch mündige Bürgerinnen und Bürger.
- Eschatologisch öffentlich: Sie hat einen eigenen öffentlichen Raum, der von Gottes Zukunft her bestimmt ist und ihr Freiheit gegenüber Moden und Mehrheiten gibt.
- Machtkritisch: Sie hinterfragt Machtstrukturen in der Gesellschaft und in den eigenen Reihen und relativiert jeden Absolutheitsanspruch ausser dem Gottes.
- Öffentlich verantwortlich: Sie trägt Verantwortung für gesellschaftliche Fragen, ohne sich zur Moralagentur zu machen.
- Profiliert und offen: Sie nimmt neue Formen von Religiosität ernst und bleibt zugleich klar in dem, wovon sie lebt.
- Seelsorglich: Sie begleitet Menschen am Rand, statt sie zu verurteilen.
- Glaubwürdig in ihren Strukturen: Sie ermöglicht in ihrer eigenen Gestalt, was sie öffentlich vertritt.
- Im Gespräch: Sie sucht den Austausch zwischen Gemeinde, Theologie und Wissenschaft.
Kirche und Theologie gewinnen ihre Gegenwartsfähigkeit dort, wo sie sich den kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart stellen, suchend, verantwortlich und im Dialog.