Gott, ein Freund des Menschen

/Predigt gehalten in der Kirche Strengelbach am 25. Dezember 2025/

[4] Doch dann erschien die Güte und die Menschenfreundlichkeit Gottes,

unseres Retters.

[5] Wir selbst hatten ja keine Taten vollbracht, mit denen wir uns rechtfertigen konnten. Aber er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt

und uns gerettet. Aus dem Bad der Taufe werden wir neu geboren und erhalten durch den Heiligen Geist das neue Leben.

[6] Den hat Gott in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter.

[7] Durch diese Gnade werden wir von Gott als gerecht angenommen. Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens, so wie es unserer Hoffnung entspricht.

/Titus 3,4-7/

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute ein besonderes Fest – ein Fest, das uns warm ums Herz werden lässt, ein Fest, an dem wir an alte, längst vergangene Festtage erinnert werden. Wir haben den Heiligen Abend hinter uns, und vor uns liegen die kommenden freien Tage. Es wird viel gefeiert, gelacht und geschenkt. Familien kommen zusammen, um gemeinsam zu feiern.

Die Frage ist jedoch: Was macht die christliche Gemeinde dabei? Was können wir – wenn wir es überhaupt können – zu diesem Fest beitragen? Ich meine, gerade heute, am 1. Weihnachtstag, ist es ganz wichtig, darauf zu achten, dass an Weihnachten nicht nur wir diejenigen sind, die schenken dürfen, sondern dass wir auch beschenkt werden – und zwar von Gott selbst. Gott hat uns an Weihnachten etwas Besonderes geschenkt. Darüber dürfen wir uns freuen.

Lassen Sie uns nun darüber nachdenken, wie dieses Geschenk Gottes konkret aussieht, oder jedenfalls aussehen könnte.

Unser heutiger Bibeltext, so sperrig er auch klingen mag, zeigt uns, was für einen Gott wir haben und mit wem wir es an Weihnachten zu tun bekommen. Dieser Gott ist ein Gott, der freundlich und gütig ist und zu uns hält. Jörg Zink hat diesen Satz aus dem Titusbrief so übersetzt:
„Aber da ging uns Gottes lichte, warme Herzlichkeit wie eine Sonne auf.“
Ich denke, er hat damit etwas Wesentliches erfasst. Gottes Wesen ist ein freundliches, eines, das man mit der scheinenden Sonne vergleichen kann. Der Gott, mit dem wir es zu tun bekommen, ist ein Gott, der uns die Wärme seiner Gegenwart spüren lässt. Darüber dürfen wir uns gewiss freuen.

Ich weiß nicht, wie es anderen ergeht, aber ich habe immer wieder ein unangenehmes Gefühl, wenn ich daran denke, in was für eine Welt meine Kinder hineinwachsen. Was haben wir, was hat meine Generation aus dieser Welt gemacht? Das frage ich mich, wenn ich sehe, dass immer mehr nur noch zählt, was man leisten und erreichen kann. Wer etwas kann, ist jemand, wer es nicht kann, scheint vergessen zu sein, mitsamt seinen Träumen und Wünschen.

Weihnachten spricht davon, dass es nicht so sein muss, dass Gott einen anderen Plan mit uns Menschen hat. Und das ist gut so. Es tut gut zu wissen, dass wir einen Gott haben, der uns als Personen wahrnimmt, der auf unsere Bedürfnisse und Träume achtet und unser Leben lebenswerter machen möchte. Dies wahrzunehmen ist heute wichtiger denn je.

Wir sind keine Marionetten oder austauschbare Figuren auf dem Schachbrett Gottes. Wir sind, so wie wir sind, einzigartig. „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, hat Paulus einmal formuliert. Dieser Satz soll uns gerade an Weihnachten begleiten – verstärkt durch die Weihnachtsbotschaft. Wir haben einen freundlichen Gott, der uns zutraut, dass auch wir freundlich miteinander umgehen können, dass wir imstande sind, den anderen mit seinen Augen zu sehen.

In der Weihnachtsgeschichte berichten die Evangelien, dass an der Krippe ganz unterschiedliche Menschen zusammengekommen sind. Sie hatten eigentlich nichts gemeinsam, und doch konnten sie miteinander feiern. Das ist kein Zufall. Gott beschenkt uns so, dass wir nicht nur zu ihm, sondern auch zueinander finden können.

An der Krippe erblickten die Hirten im Kind den Erlöser der Welt, weil ihre Augen nicht von Nebensächlichem geblendet waren. Dasselbe gilt für die Weisen aus dem Morgenland. Auch ihre Augen waren nicht mehr vom unnötigen Wissen geblendet, sondern auf das Wesentliche gerichtet. Die Kunst, Weihnachten richtig zu feiern, liegt darin, dass wir lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Uns nicht von Nebensächlichkeiten blenden zu lassen, sondern froh und getrost die Menschenfreundlichkeit Gottes zu feiern.

Weihnachten ist ein Fest, an dem Gott uns nahegekommen ist, damit auch wir einander näherkommen können. Die Krippe in der Mitte des Stalls bildet eine Brücke zwischen Menschen und Kulturen und macht alle Machtansprüche dieser Welt zunichte. Denn zur Krippe kann man nur in wahrer Demut kommen – mit dem Willen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wo dieser Wille da ist, da leuchten im Dunkel der Welt Freude und Menschenfreundlichkeit Gottes auf wie Sonnenschein.

Weihnachten endet aber nicht am 25. Dezember. Es soll ein Fest sein, das unser Leben prägt und uns auch für den Alltag nach den Feiertagen Nahrung schenkt. Diese Nahrung brauchen wir wirklich – jeden Tag neu. Gott, der uns dieses Geschenk macht, möchte uns als freie, sich freuende und freundliche Menschen sehen. Das ist sein Angebot. Was wir daraus machen, liegt zu einem nicht geringen Teil auch an uns.

Der Gott, den wir an Weihnachten feiern, ist kein geiziger Gott. Auch das müssen wir uns immer wieder sagen lassen. Wir haben einen Gott, der gerne schenkt, dem wir so wichtig sind, dass er seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat. Das Staunen der ersten Zeugen der Geburt Christi soll auch uns begleiten. Weihnachten spricht von diesem Staunen und von der Freude darüber, dass Gott nicht mit seiner Güte geizt.

Oft sind wir nicht in der Lage, wahrzunehmen, was Gott uns schenkt. Der Geschenkerausch an Weihnachten will uns an das große, das einzig wahre Geschenk erinnern: dass Gott uns liebt, dass er uns nicht fallen lässt, dass er sogar selbst in unsere Welt gekommen ist, um uns das zu zeigen.

Gottes Geschenk an uns ist ein neuer Zugang zu ihm – die Möglichkeit, Gott gerade in den verletzlichen Situationen des menschlichen Lebens kennenzulernen. So, wie er in die Welt gekommen ist, will er uns zeigen: Gerade in den verletzbaren, ausgelieferten Momenten unseres Lebens ist Gott uns nahe. Dies wahrzunehmen, anzunehmen und daraus eine Lebenshaltung zu entwickeln, erfordert Mut. Unser heutiger Predigttext spricht uns diesen Mut zu und eröffnet uns eine neue Perspektive auf unser Leben.

Wer weiß, dass Dunkelheit, Ungerechtigkeit und Missstände dieser Welt nur das vorletzte Wort haben, findet einen anderen Zugang zum Leben. Weihnachten und das neugeborene Jesuskind stehen mit aller Verletzlichkeit für diesen neuen Zugang. Er beginnt mit Staunen und richtet unseren Blick, trotz aller gegenwärtigen Schwierigkeiten, auf Gottes Perspektive.

Diese Perspektive ist die Perspektive der Hoffnung. Wer Weihnachten so feiert, dass er im Neugeborenen nicht nur das Wunder einer Geburt sieht, sondern die Botschaft Gottes erkennt, beginnt anders zu sehen. Gewiss, vieles in der Welt ändert sich nicht. Vieles, was uns belastet, bleibt bestehen. Doch wer mit offenem Herzen zur Krippe kommt und Gottes Geschenk annimmt, wird ein hoffender Mensch. Hoffnung lässt das Leben anders erscheinen.  Hoffnung lässt die Farben des Lebens stärker erstrahlen. Man gewinnt innere Sicherheit, vielleicht aber auch Distanz und Gelassenheit.

Möge der Herr, der uns an Weihnachten nahegekommen ist, uns auch an diesem Fest die nötige Gelassenheit schenken. In einer Welt voller Sorgen und Planen ist Gottes Geschenk an uns, dass wir ein Stück weit gelassener in die Zukunft sehen können. Gottes Zukunft ist und bleibt uns offen und das kann eine Quelle des Zuversichts sein in eine Welt, in dem vieles unsicher, ja unberechenbar geworden ist.

Wer dies erfährt, wird reich beschenkt – nicht nur an Weihnachten, sondern an allen Tagen des Lebens. Dieses Geschenk brauchen wir gerade im Alltag. Gott verspricht uns, dass seine Gegenwart unser Leben in den Wirkungskreis seiner wie eine Sonne strahlenden Gnade stellt – sofern wir dies zulassen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir dies zulassen, dass in unsere Gemeinde, also mitten unter uns aus dem Staunen eine Perspektive der Hoffnung wachsen kann.

Amen.

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