/Predigt gehalten in der Kirche Strengelbach am 08. März. 2026/
[57] Unterwegs sagte jemand zu Jesus: »Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« [58] Jesus antwortete: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest.Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann.«
[59] Einen anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!« Aber der sagte: »Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.« [60] Aber Jesus antwortete: »Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben.Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!«
[61] Wieder ein anderer sagte zu Jesus: »Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.« [62] Aber Jesus antwortete: »Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.«(Lukas 9, 57-62)
Liebe Gemeinde,
Wer ist eine gute Christin, ein guter Christ? Wie soll die Nachfolge Christi gestaltet werden? Diese Fragen sind es, die das Christentum von Beginn an und bis in die heutigen Zeiten hinein spalten. Es gibt nämlich solche, die ganz genau wissen, wie Nachfolge geschehen soll und ein klares Kriteriensystem haben, was gute Christinnen und Christen zu erfüllen haben. Und es gibt andere, die von so etwas gar nicht hören wollen. Welches ist das richtige Verhalten? Gibt es im Bezug auf die Nachfolge Christi so etwas wie richtig und falsch? Gibt es überhaupt ordentliche und unordentliche Christinnen und Christen?
Das sind nur einige der Fragen, welche die christlichen Gemeinschaften bewegen. Man könnte diesen Fragenkatalog unendlich erweitern. Wie auch immer, die Fragen sind ernsthafte Lebensfragen, denn sie betreffen das, was uns ausmacht. Sie betreffen unsere Haltung im Leben und Geben letztendlich Auskunft über unsere Werte. Doch die Frage, welche sich heute für uns stellt, ist: Was denn genau hat Jesus zu diesen Fragen gesagt? Und darauf bekommen wir aus unserem Predigttext eine Antwort. Ich möchte dabei besonders betonen, dass dies eine Antwort von Jesus ist, denn er hat sich über diese Frage öfter direkt oder indirekt geäußert.
Das, was wir in unserem Predigttext hörten, ist eine mögliche Antwort auf die am Anfang gestellten Fragen – und eine wirkmächtige dazu. Es wurde und wird oft zitiert, um eine bestimmte Richtung der Nachfolge zu stärken. Ich möchte diesmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Evangelist einen Aspekt der Nachfolge Jesu beschreibt.
Was lesen und hören wir aber in diesem Text genau?
Menschen wollen Jesus folgen und wollen wissen wie dies gehen soll. Diese Fragestellung wird dreimal wiederholt. Die Antwort, die wir zu hören bekommen, ist
verwirrend, befremdlich und abweisend. Was sollen wir damit anfangen, wenn wir versuchen, als Christinnen und Christen heute unser Leben zu gestalten?
Ich denke, zuerst muss klar werden, wer da fragt und worauf sich die Frage richtet. Wir finden übrigens dieselbe Geschichte auch in anderen Evangelien, mit ein wenig anderen Nuancen. Aber zurück zu unserem Text: Laut dem Bericht des Evangelisten kommen Menschen zu Jesus, die sich entschlossen haben, ihm zu folgen. Sie hören von der Aufforderung des Menschensohnes und wollen dieser Folge leisten? Man übersieht sehr leicht, dass der Evangelist nichts dergleichen schreibt. Er berichtet davon, dass Menschen zu Jesus kommen – aus eigenem Antrieb, motiviert von… ja, das alles wissen wir nicht genau. Fakt ist, dass es in dem Text nicht primär um eine Berufung geht, sondern um Menschen, die sich selbst aufmachen und zu Jesus kommen. Sie wollen ihm folgen.
Ich denke, es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und uns darauf zu konzentrieren, was denn hier genau geschieht. Die Menschen, die zu Jesus kommen und ihm diese Fragen stellen, wollen etwas von ihm. Sie wollen etwas – aber so, dass ihre Lebenswelt möglichst wenig tangiert wird. Alles soll erledigt werden, wie es Brauch und Sitte ist, und dann…
Ich denke, der Denkfehler dieser Menschen liegt nicht einmal darin, dass sie alles nach Brauch und Sitte erledigen wollen. Ihr Denkfehler liegt darin, dass sie meinen, sie seien diejenigen, die die Nachfolge initiieren. Ich will dir folgen, aber… Die Argumentation ist fehlerhaft, weil die Voraussetzung falsch ist. Der Mensch ist grundsätzlich daran gewöhnt, Voraussetzungen im Leben zu schaffen – Bedingungen, die dem Leben eine klare Struktur geben. Manchmal ist es so, dass der Mensch sogar bereit ist, Voraussetzungen zu akzeptieren, die von anderswo an ihn herangetragen werden. Meistens ist es jedoch so, dass wir diejenigen sind, die die Voraussetzungen aushandeln und bestimmen. Zumindest in einem minimalen Mass wollen wir an der Ausarbeitung der Voraussetzungen beteiligt sein. Geschieht das nicht, so sind wir alle – mich eingeschlossen – geradezu empört.
Selbstbewusst und ihrer Sache sicher treten diese Menschen vor Jesus und deklarieren, sie wollen ihm folgen. Sie wollen ihm folgen, aber sie haben Bedingungen. Darauf bekommen sie eine Antwort, die bis heute befremdlich klingt. Alle Anliegen, die diese Menschen vorbringen, sind absolut rationale, nachvollziehbare Gründe. Man kann ihnen vollkommen zustimmen. Ich meine jedoch, dass es hier nicht um die Plausibilität der Gründe geht, die ein Mensch vorweisen kann, sondern um etwas anderes. Was genau könnte dies sein?
Lesen wir die Geschichte im Kontext des Lukasevangeliums, so wird deutlich, dass diese Episode in einem grösseren Zusammenhang steht. Sie steht im Zusammenhang des Weges, den Jesus zurücklegt, unterwegs nach Jerusalem. Jesus ist auf dem Weg. Er hat einen Auftrag, ein klares Ziel. Er ist aufgebrochen und wess, dass er dieses Ziel erreichen möchte. Seine Haltung und sein ganzes Wesen sind auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Er schreitet zielbewusst durchs Leben und weiss, was seine Prioritäten sind.
Ich denke, wenn wir die Aussagen Jesu jenseits des Befremdlichen deuten wollen, so müssen wir dies im Kontext dieses Unterwegsseins tun. Der Weg, auf dem der Menschensohn geht, hat ein Ziel – ein Ziel, das er nicht aus den Augen verliert. Die
Bewegung seines Lebens bleibt nicht stecken. Sie stockt nicht. Er verliert sein Ziel nicht aus dem Blick. Wenn man dieses Unterwegssein im Kontext des Lukasevangeliums deutet, so wird mehr als deutlich, dass es sich dabei um den Lebensweg handelt. Deuten wir also diese Aussagen von Jesus so, bekommen sie eine ganz andere Brisanz und Bedeutung auch für den heutigen Menschen. Es geht plötzlich nicht mehr nur darum, was Jesus so Befremdliches sagt, sondern darum, wie ich gewisse Dinge im Leben sehe und deute, wie sie das Muster meines Lebens bestimmen.
Es lohnt sich, einen Blick auf die drei Aussagen von Jesus zu werfen. In der ersten Aussage werden wir darauf hingewiesen, dass die wilden Tiere einen Ort haben, wo sie sich geschützt fühlen können. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass diese Orte nicht nur Schutz bieten. Sie können auch beengen und gar zu einer Falle werden in ernsthafter Gefahr. Nun, daran denken wir nicht, zumindest nicht als Erstes, wenn wir diese Worte von Jesus hören. Und doch kann diese Aussage die Augen öffnen, damit wir allerlei beengende Verhältnisse im Leben wahrnehmen. Beengende Verhältnisse, die einen scheinbaren Schutz versprechen, dies aber nur bedingt halten können, wenn überhaupt.
Der Menschensohn bietet hingegen den Schutz Gottes an – gerade und ganz besonders auf dem Lebensweg des Menschen. Der Gott, der mit dem Menschen unterwegs ist, bietet wirksamen Schutz gegenüber mancherlei beengenden Verhältnissen im Leben. Letztlich geht es darum, was in der Bibel so ausgedrückt wird, dass Gott die Füsse des Menschen auf einen weiten Raum stellt.
Nicht minder befremdlich klingt auch die zweite Aussage. Auch hier geht es um etwas, das scheinbar unabdingbar ist: Die Toten sollen begraben werden… Geht es aber wirklich darum? Könnte es nicht sein, dass hier die Augen des Menschen geöffnet werden sollen, wie wir mit vermeintlich unabdingbaren sozialen Notwendigkeiten im Leben umgehen? Wie oft haben Sie schon den Satz gesagt oder im Alltag gehört: «So macht man halt…» – als Rechtfertigung für vieles. Die Nachfolge Jesu bedeutet, kritisch zu hinterfragen, was man «halt so macht».
Nicht minder gefährlich scheint auch die dritte Aussage zu sein. Ist Jesus dabei familienfeindlich? Ich denke, bei weitem nicht. Seine Aussage, so wie ich sie deute, richtet sich vielmehr gegen die unbewussten Bestimmungen im Leben. Ob wir wollen oder nicht: Alles, was wir sind, alles, was wir tun, ist in hohem Masse davon bestimmt, was wir aus unserem Elternhaus mitnehmen: Muster, Verhalten, die Beurteilung von Situationen usw. Soll das alles schlecht sein? Ich denke, das ist nicht gemeint. Gemeint ist vielmehr, dass wir uns bewusst machen sollen, was uns in unserem Leben und Urteilen bestimmt. Nachfolge heisst nicht Verleugnung dessen, was mich prägt, sondern dessen bewusste Wahrnehmung.
Die Worte des Evangeliums zielen meiner Meinung nach darauf ab, dass wir im Leben bewusst Prioritäten setzen sollen.
Unterwegs sein auf dem Lebensweg heisst: bewusst leben, sich auf den Schutz Gottes verlassen und immer wieder Entscheidungen treffen. Der königliche Mensch, Jesus von Nazareth, hat uns dabei ein Lebensbeispiel vorgelebt. Es liegt an uns, was wir damit machen wollen.
Amen.
