Neue Kraft bekommen?

/Predigt gehalten in der Kirche Vordemwald am Sonntag Quasimodogeniti, 12. April 2026/

Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat!

Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl.

Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei.

Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen.

Wie kannst du da sagen, Jakob, wie kannst du behaupten, Israel:

»Mein Weg ist dem Herrn verborgen! Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!« Hast du’s noch nicht begriffen? Hast du es nicht gehört?

Der Herr ist Gott der ganzen Welt. Er hat die Erde geschaffen bis hin zu ihrem äußersten Rand. Er wird nicht müde und nicht matt. Keiner kann seine Gedanken erfassen.

Er gibt dem Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark.

Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen.

Aber alle, die auf den Herrn hoffen bekommen neue Kraft.

Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt,

sie laufen und werden nicht müde.

/Jes. 40, 26-31/

Liebe Gemeinde,

schön wäre es! Eine Quelle unerschöpflicher Energie zu haben, sich niemals erschöpft zu fühlen und überhaupt … Die Worte des Propheten Jesaja klingen wie aus einer völlig anderen Welt. Sie sprechen von einer Sehnsucht der Menschen, das Leben ganz und gar zu kontrollieren. So schön dies auch wäre – einfacher als das Leben jetzt wäre es sicherlich nicht. Sollen wir denn dann alles aufgeben, uns um nichts mehr kümmern, weil Gott ja für alles sowieso sorgen wird? Ich denke, auch das ist nicht mit unseren Bibelversen gemeint. Was denn dann?

Nun, so deprimierend die Situation der Welt auch sein mag, wir können die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gott der Herr der Geschichte ist und dass nicht menschliche Machtgelüste das wahrlich letzte Wort haben, sondern Gott. Genau diese Auffassung begegnet uns in unserem Predigttext. Es tut gut, uns sagen zu lassen, dass Gott Pläne mit dieser Welt hat – und zwar solche, die unser Leben bereichern möchten. Doch wie sieht das konkret aus?

Um das Ganze besser verstehen zu können, lasst uns einen Blick auf die Lebenssituation von Jesaja und seinem Volk werfen. Der Prophet redet zu einem Volk, das alles verloren hat, was ihm Halt und Trost gegeben hat. Die Institutionen, die das gesellschaftliche Leben zusammengehalten haben, sind plötzlich verschwunden oder vernichtet worden, und das Schicksal des Volkes wie auch der einzelnen Menschen war ungewiss geworden. Man könnte es vielleicht so formulieren: Das Volk erlebte eine umfassende existentielle Krise, die an den Grundmauern des Lebens rüttelte. Eine solche existentielle Notlage eignet sich bestens dazu, den einzelnen Menschen in völlige Verzweiflung zu treiben. Genau das aber möchte der Prophet mit seinem Hinweis auf die Schöpfergüte Gottes nicht zulassen.

Jesaja weiss sehr wohl, dass es im Leben herausfordernde Situationen gibt, doch er macht deutlich, dass Gottes Macht über diesen Situationen steht. Gott ist derjenige, der als der ganz andere Gott das Sagen in der Geschichte hat. Ich denke, dieses Wissen sollten auch wir heutigen Menschen uns immer wieder vergegenwärtigen. Oft habe ich den Eindruck, dass wir dazu neigen, unser Leben von vermeintlichen Sachzwängen bestimmen zu lassen. Manchmal denken wir, es gebe gar keine Alternative dazu. Der Prophet Jesaja weist sein Volk jedoch darauf hin, dass das Vertrauen auf die Macht des Schöpfers einen anderen Zugang zum Leben ermöglicht.

In unserem Bibeltext wird der Mensch aufgefordert, nach oben zu blicken. In der Welt der Antike bedeutete dies ein bewusstes Wahrnehmen der Welt und der Schöpfung. Der an sich als mächtig erscheinende Himmel soll den Menschen an die ganz anderen Möglichkeiten Gottes erinnern. Ich denke, auch heute wäre dies nötig. Denn nicht nur die Zeitgenossen Jesajas, auch wir neigen dazu, Gott lediglich grösser als uns Menschen zu denken. Ist Gott tatsächlich der, von dem „größer nicht gedacht werden kann“, wie man es im Mittelalter meinte? Nun, laut Jesaja ist es jedenfalls nicht so. Gott ist nicht einfach größer als wir Menschen – er ist schlicht anders. Dieses Anderssein Gottes macht es möglich, dass er sich als Herr der Geschichte im Leben der Menschen zeigen kann.

Die Aussage des Bibeltextes ist deutlich: Im Gegensatz zum Menschen, der müde und matt wird, ist Gott anders. Er wird weder müde noch matt. Gefangen und oft verstrickt in mancherlei Situationen, die uns ermüden, ist es gut, daran erinnert zu werden, dass Gott uns Kraft geben kann, unseren Alltag zu gestalten. Als Schöpfer, Erlöser und Vollender der Welt hat er uns Menschen zugesichert, immer wieder neu aus seiner Kraftquelle schöpfen zu dürfen. In einer Welt, die durch existenzielle Herausforderungen an unseren Kräften zehrt, ist dies ein erhellendes und tragendes Wissen, das unser Leben bereichern kann.

Lange haben wir uns daran gewöhnt, unser Leben planen zu können, wie wir wollen. In dem Moment, in dem dies nicht mehr möglich ist, wird der Mensch verunsichert. Die aktuellen Entwicklungen in der Welt fordern uns heraus, ja sie stellen sogar einige Grundsätze unseres Lebens infrage. Je nachdem reagieren wir ganz unterschiedlich darauf. Manche Menschen reagieren mit regelrechten Aggressionen darauf, dass nun nicht mehr alles so ist, wie es einmal war. Andere versinken in Depressionen und Untätigkeit. Wieder andere versuchen, ihren Alltag um jeden Preis zu füllen. Es kommt zu geradezu grotesken Formen von Aktivismus. Etwas muss geschehen, und zwar bald! Ich kann etwas machen und werde es auch tun … Solche und ähnliche Gedanken hat wohl jede und jeder von uns schon einmal gehabt. Meist stellt sich jedoch heraus, dass dieser Aktivismus keine gute Lösung ist.

Dennoch wollen wir etwas tun – irgendetwas –, damit wir das Gefühl haben, das Leben doch noch im Griff zu haben. Das ist zutiefst menschlich und war zur Zeit der Propheten vermutlich nicht anders als heute. Deshalb der eindringliche Ruf: Vergesst nicht, dass wir einen Schöpfergott haben!

Dieser Schöpfergott setzt uns Grenzen und bietet uns zugleich Möglichkeiten, innerhalb dieser Grenzen zu leben. Zugegeben: Diese Grenzen sind nicht immer angenehm, und in den meisten Fällen stören sie uns. Erinnern wir uns nur daran, wie sehr es uns als Heranwachsende gestört hat, dass unsere Eltern uns Grenzen gesetzt haben. Und auch als Erwachsene erleben wir immer wieder, dass unser Leben von vielerlei Grenzen bestimmt wird. Vielleicht ist es sogar ein Merkmal des Erwachsenseins, dass wir lernen, Grenzen zu akzeptieren. Oft sind es Grenzen, die zu unserem Wohl gesetzt sind. Grenzen bedeuten auch Sicherheit – selbst dann, wenn es uns schwerfällt, innerhalb dieser Grenzen zu bleiben.

Gerade heutzutage ist es vielleicht eine wichtige Lektion, die wir lernen müssen: dass wir nicht die freien Herren der Welt sind. Es ist eine bittere Lektion, aber wir kommen nicht umhin, sie zu akzeptieren. Allerdings dürfen wir uns an diesem ersten Sonntag nach Ostern nicht nur an die Grenzen erinnern, sondern ganz besonders daran, dass Gott die Grenzen in unserem Leben überwunden hat. Er kam über alle Grenzen hinweg zu uns, damit wir lernen, nicht auf uns selbst, sondern auf seine Gnade zu bauen.

Im Gegensatz zu uns Menschen, die müde oder gar ermattet werden, ist Gott immer derselbe. Wir haben eine Kraftquelle, auf die wir vertrauen können. Wir haben einen Gott, zu dem wir mit unserer Müdigkeit, mit unseren Fragen und mit unseren Unsicherheiten gehen dürfen. Fragen haben wir alle. Und es ist gut zu wissen, dass Fragen bei Gott einen sicheren Ort haben. Die Fragen, die uns beschäftigen, dürfen wir zu ihm bringen.

Für den Propheten Jesaja war klar: Gott ist der Herr der Geschichte, der niemals müde wird. Der Mensch hingegen muss sich immer wieder seiner eigenen Stärke vergewissern, um einen neuen Anlauf zu nehmen. Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt: Wir müssen uns immer wieder auf unsere eigene Stärke besinnen. Doch was geschieht, wenn diese Stärke ermüdet? Was, wenn sie verblasst? Die bewusste Wahrnehmung Gottes, des Schöpfers, wirkt dieser Ermüdung entgegen.

Während wir Menschen immer darauf angewiesen sind, uns des Fundamentes unseres Lebens zu versichern, braucht Gott all dies nicht. Er ist da. Er ist die Quelle der Kraft. Auf ihn können wir vertrauen.

Hilde Domin hat es in einem ihrer Gedichte so formuliert:


Ein jeder geht eingehüllt
in den Traum von sich selber.
In manchen Träumen ist Raum
für den Zweiten
wie in einem Doppelbett.
Fast in allen.“
(Hilde Domin: Fragment)

Genau das müssen wir im Rückblick auf Ostern und im Vertrauen auf die immer wieder erneuernde Schöpfergüte Gottes lernen: In unserem ermatteten Leben, mitten in unserer Müdigkeit, sollen wir Platz machen für einen Zweiten – für Gott. Wenn dies geschieht, bekommen wir tatsächlich neue Kraft für all das, was uns im Leben bevorsteht.

Amen

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