Der Weg nach unten- der Weg zu Gott?

/Predigt gehalten in der Kirche Vordemwald am 11. Sonntag nach Trinitatis, 16.08.2026/

[9] Einige der Leute waren davon überzeugt, dass sie gerecht vor Gott lebten.

Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig. Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis:

[10] »Zwei Männer gingen zum Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer.

[11] Der Pharisäer stellte sich hin und betete leise: ›Gott, ich danke dir,

dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier.

[12] An zwei Tagen in der Woche faste ich. Und ich gebe sogar den zehnten Teil von allem, was ich kaufe.‹

[13] Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits. Er traute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich auf die Brust und sagte: ›Gott, vergib mir! Ich weiss, dass ich ein Sünder bin.‹

[14] Das sage ich euch: Der Zolleinnehmer ging nach Hause und war nun vor Gott gerecht – im Unterschied zu dem Pharisäer.

Denn wer sich selbst gross macht, wird von Gott niedrig und klein gemacht.

Aber wer sich selbst niedrig und klein macht, wird von Gott groß gemacht werden.«

(Luk 18:9-14)

Liebe Gemeinde,

Es ist gut, dass es mir nicht so geht wie dem oder jenem – hören wir oft sagen. Kaum ein Satz kann so grossen Schaden anrichten wie dieser. Ich – und der Andere, der schlechter dran ist als ich, mit dem ich am liebsten nichts zu tun habe. Solche Haltungen erleben gerade in unserer Zeit Hochkonjunktur: Es gibt solche und solche Menschen, und wir gehören natürlich zu den Guten …

Man ertappt sich dabei, sich selber auf die Schulter zu klopfen, denn oft scheint es uns tatsächlich besser zu gehen als manchen anderen. Der Drang, sich auch in der Gottesbeziehung zu vergleichen, wohnt uns allen inne – ein uralter Trieb. Schon in den ältesten Berichten der Bibel, in der Geschichte von Kain und Abel, hören wir von einem Mord, verursacht dadurch, dass der eine Bruder dachte, Gott liebe den anderen mehr als ihn.

Letztlich geht es darum, das, was wir haben, durch Vergleiche abzusichern. Doch der lebendige Gott, von dem die Bibel redet, lässt solche Vergleiche nicht zu. Er lässt sich die Freiheit seiner Gnade nicht nehmen – und auch nicht die Freiheit, das letztgültige Urteil über den Menschen zu sprechen.

Unser Predigttext vergegenwärtigt eine Situation, die sich im damaligen Tempel jeden Tag hätte abspielen können. Zwei Menschen gehen beten. Was ist daran so besonders, fragt der heutige Mensch – gemessen an unserer Welt: nichts.

Doch im alten Israel gab es nur einen einzigen Tempel, nicht jeder konnte hingehen; das lässt die Tragweite dieses Gebets erahnen. Die Menschen zur Zeit Jesu glaubten, mit einem Gebet im Tempel von Jerusalem eine besondere Tat zu vollbringen. Die Reise dorthin war für viele beschwerlich, nicht nur aus finanziellen Gründen. Manche träumten ein Leben lang davon, in Jerusalem beten zu können, und schafften es dennoch nie. Wer im Tempel erschien, nahm also einiges in Kauf – auch wer in Jerusalem selbst wohnte, für den war das Gebet im Tempel keine reine Selbstverständlichkeit.

Der Tempel war der Ort, an dem die Gottesbeziehung in einem geschützten Raum erlebbar wurde – kein Ort wie jeder andere, sondern ein besonderer Ort, der dem Menschen Ruhe und Geborgenheit in der Gegenwart Gottes schenkte.

Allerdings ist das Gleichnis von einer ganz schiefen Asymmetrie gekennzeichnet. Die beiden Menschen im Gleichnis könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine stammt aus der obersten Kaste der Gesellschaft, gewohnt, alles, was er möchte, sofort zu bekommen. Als Pharisäer genoss er hohes Ansehen und nahm sich das Recht, sich auch in Gottes Augen als etwas Besonderes zu betrachten. Der andere kommt aus den untersten Schichten – ein Zöllner, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet und auch noch Profit daraus schlägt. Was ihn mehr verurteilte, weiss ich nicht, jedenfalls waren Zöllner allgemein verachtet. Zwei Menschen, zwei Lebensweisen, zwei Gebetsgestalten in ein und demselben Raum, vor Gottes Angesicht – und Jesus lenkt unsere Aufmerksamkeit genau auf diesen Unterschied.

Der Pharisäer ist mit sich selbst vollkommen zufrieden. Er weiss genau, wie hoch sein gesellschaftliches Ansehen ist, und erwartet selbstbewusst, dass Gott seine gottesfürchtigen Eigenschaften schätzt. Auch sein Gebet ist ein Dank – aber was für einer: Er stellt fest, dass er keine schwerwiegenden Sünden begangen hat, und dass es in seiner Umgebung viele gibt, die schlechter sind als er.

Dieses Gebet könnte auch heute für viele gelten, denn die meisten von uns sind weder Räuber noch Betrüger noch Ehebrecher. Insofern sind wir fein raus aus dem Schneider.

Doch wem ist das zu verdanken? Das ist die Frage, die der Mensch – ganz besonders der moderne Mensch – nicht stellt. Auch der Pharisäer stellte diese Frage nicht. Er bleibt in seiner kleinen, korrekten, wohlgeordneten Welt eingeschlossen und stellt bloss vermeintliche Tatsachen fest – das ist das Bezeichnende. So bleibt die eigene Lebenswelt intakt, so muss man sich gar nicht mit eventuell störenden Tatsachen auseinandersetzen. Man bleibt, wie man in der modernen Welt sagt, in seiner eigenen Bubble. Er macht sich keine Gedanken darüber, was in seinem Leben nicht so gut geordnet sein könnte. Er bleibt beim Offensichtlichen, beim Oberflächlichen, ohne tiefer zu gehen. Der Pharisäer geht seiner religiösen Pflicht nach, ohne zu bedenken, welche Chance sie ihm böte. Denn das Gebet wäre eine Möglichkeit, in sich selbst hineinzuschauen, die eigenen Möglichkeiten, Entscheidungen und Ressourcen vor Gott auszubreiten und dafür zu danken, dass all das, was unser Leben ausmacht, möglich geworden ist. Diese Chance verpasst der Pharisäer, weil er sie gar nicht als solche erkennt.

Doch bevor wir vorschnell urteilen: Geht es uns wirklich anders? Ich muss eingestehen, dass es mir oft nicht anders geht und ich mich zwingen muss, ehrlich Rechenschaft über mein Leben abzulegen. Die Offensichtlichkeiten und groben Oberflächlichkeiten beherrschen unser Leben. Sie geben uns das Gefühl, alles gehe seinen gewohnten, wohlgeordneten Gang. Mir geht es gut, denken wir, und denken selten darüber nach, dass manches auch anders geordnet sein könnte. Anders formuliert: Der Pharisäer will nur die wohlgeordnete Oberfläche des Lebens erleben, die alles andere überdeckt. Was darunter liegen könnte, damit will man sich gar nicht beschäftigen. Auch dies ist eine Möglichkeit zu leben und an sich legitim. Doch das ist meines Erachtens noch das kleinere Problem.

Das grössere Problem des Pharisäers ist, dass er sich sogar in seinem Gebet und seiner Gottesbeziehung mit einem anderen vergleicht. Wer sich ins Oberflächliche begibt, macht aus Gott einen Automaten. Genau das hat Jesus immer angeprangert. Hat die Bibel recht, so haben wir einen lebendigen Gott, der Ehrlichkeit über alles schätzt und sie von uns fordert. In dem geschützten Raum vor Gottes Angesicht darf der Mensch ehrlich sein, ohne um Konsequenzen fürchten zu müssen – eine grossartige Chance, die der Pharisäer verpasst.

Für die Ehrlichkeit vor Gottes Angesicht steht der Zöllner. Bevor wir aber wieder vorschnell urteilen, unsere Lebenssituation sei doch ganz anders als seine, schauen wir uns seine Gebetshaltung an: Da spricht jemand, der eines genau gelernt hat: Allein geht es nicht. Ich kann mich nicht aus den unbequemen Situationen meines Lebens befreien, ich brauche Hilfe. Wenn man die Ursprache der Bibel nachliest, so bittet dieser Mensch nur darum, dass Gott seine Beziehung zu ihm wieder herstellt. Er fragt nicht nach grossen Dingen, sondern erbittet das Wesentliche. Wer diesen Schritt wagt, hat einiges gelernt. Wer dieses Gebet nachsprechen kann, hat begriffen, dass man auf Gottes Beistand angewiesen ist.

Wichtig ist mir an dieser Geschichte noch etwas anderes: Der Zöllner geht befreit nach Hause. Einer der Gründe, warum wir zu Gott beten, ist eben dies: Befreiung zu erfahren. Doch Befreiung erfährt nur, wer bereit ist, aus der eigenen «Bubble» oder aus dem eigenen Teufelskreis herauszutreten und Gottes Möglichkeiten, die auch für ihn gelten, wahrzunehmen. Ich glaube, das wünscht sich jeder von uns. Zugleich sind wir Menschen so geschaffen, dass wir immer wieder nach unseren Möglichkeiten fragen, danach, was wir machen, erledigen, schaffen können. In diesem Tatendrang vergessen wir oft das Wichtigste: innezuhalten und nach den Wurzeln unseres Lebens zu fragen. In dem Gleichnis geht es nicht darum, was wir machen können, auch nicht um irgendwelche Fortschritte und Erfolge. Es geht um die Erkenntnis der eigenen Situation, um den Weg, der möglicherweise durch Tiefen, aber letztlich zu Gott führt. Erkennen wir das, so wagen wir es, uns auf den Weg zu machen, und die Beziehung zu Gott wird uns neu geschenkt – als Chance, als Lebenskraft.

Es ist vielleicht nicht viel, aber es ist unsere beste Möglichkeit.

Amen

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