/Predigt gehalten in der Stadtkirche am 28. Dezember 2025 am 1. Sonntag nach Weihnachten/
[7] An die Güte des Herrn will ich denken, an die ruhmreichen Taten des Herrn.Ich will mich an all das Gute erinnern, das er für das Haus Israel getan hat.
Daran zeigt sich seine Barmherzigkeit und grosse Güte.
[8] Er sagte sich: »Sie sind ja mein Volk, meine Kinder, die mich nicht enttäuschen werden.« So kam er ihnen zur Hilfe. [9] Er machte sich all ihre Not zu eigen und half ihnen durch seinen Engel.Aus Liebe und Mitleid befreite er sie. Er hob sie hoch und trug sie die ganze Zeit.
(Jes. 63:7-9)
Liebe Gemeinde,
Woran erinnern Sie sich an Weihnachten? Ich bin mir sicher, dass jeder und jede von uns sich an so manches erinnert zu dieser besondere Zeit der Erinnerung. Nun, woran erinnern Sie sich? Weihnachten und diese ganze Zeit rund ums Weihnachtsfest ist nämlich eine besondere Zeit der Erinnerungen. Die meisten von uns erinnern sich mehr oder minder wehmütig an vergangene Weihnachtsfeste, an Menschen, die nicht mehr unter uns sind, an schöne, vielleicht aber auch an weniger schöne Erlebnisse, die wir mit dieser Zeit des Jahres verbinden.
Unser Predigttext heute spricht uns alle genau als solche Menschen an, als Menschen, die sich erinnern, und lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, was an Weihnachten so besonders ist und woran man sich sicher erinnern sollte. Dies ist nichts anderes als die gute Nachricht, dass Gott für uns Mensch geworden ist. So weit, so gut. Was kann aber der heutige Mensch, was können wir mit dieser besonderen Nachricht anfangen? Und: Warum sollten wir uns an so etwas erinnern? Der Verfasser des Predigttextes mahnt die Menschen, dass sie sich an die Gnadentaten Gottes erinnern sollten. Im ursprünglichen Kontext der Bibel fällt auf, dass der Begriff «Gnadentaten des Herrn», hier in der Übersetzung der Basisbibel als «ruhmreiche Taten des Herren» wiedergegeben- eine besonders viel gebrauchte Wendung ist. Die Wendung meint so etwas wie eine besondere Gemeinschaft, in der die Rechte und Pflichten weit über das notwendige Mass hinaus erfüllt sind. Gott wird dabei als jemand angepriesen, der nicht nur das Notwendige für seine Menschen tut, sondern darüber hinaus alles macht, damit der Mensch sich frei entfalten kann.
Ich denke, wenn wir jetzt auf Weihnachten blicken, wird die Bedeutung dieser Worte noch deutlicher. Gott hat den Menschen versichern wollen, dass er es ernst mit ihnen meint. Darum ist er selbst Mensch geworden. Das besondere Verhältnis von Gott und Mensch beruht also auf dem freien Entschluss Gottes, nicht nur das Mindeste und Notwendige, sondern umfassend alles für den Menschen zu tun. Dabei denke ich daran, dass ein Kollege die ganze Weihnachtsbotschaft so zusammengefasst hatte: «Mach es wie Gott, werde Mensch!» Im Grunde genommen geht es genau darum. Gerade weil wir so einen grosszügigen Gott haben under uns immer wieder neue Chancen im Leben zusichert, können wir auch anders zu unseren Mitmenschen sein. Wir dürfen unsere Mitmenschen anders sehen. Das ist in der Tat etwas, woran man sich erinnern sollte.
Bedenklich ist nur, dass wir Menschen im Vergleich mit Gottes Grosszügigkeit meistens nicht sehr grosszügig sind. Zugegeben, in der Weihnachtszeit sind wir es vielleicht eher als sonst und auch dann, wenn eine Geste unsererseits unser Leben nur minimal tangiert. Wenn es aber darauf ankommt, so sind wir sehr wohl auf unsere eigenen Vorteile bedacht. Dies ist an und für sich nicht schlecht, denn wir sollen in dieser Welt leben. Wenn aber der Egoismus unser ganzes Leben bestimmt, beginnen die Probleme. Gott hat dieser Welt in einer grosszügigen Geste gezeigt, was es heisst, mit ihm unterwegs zu sein. Dies weiss der Verfasser unseres Predigttextes sehr gut. Gott handelte und handelt immer noch für den Menschen, damit der Mensch als Geschöpf und als Kind Gottes ein menschenwürdiges Leben hat. Was dann der Mensch aus diesen Möglichkeiten durch übertriebenen Egoismus macht, ist eine ganz andere Sache.
In unserem Predigttext begegnet uns aber auch eine andere, nicht weniger bedeutende Aussage. Es geht um die Aussage, dass Gott den Menschen als jemanden betrachtet, der Gott nicht enttäuschen will. Man kann die Worte auch anders übersetzen. Dann kommen wir auf die merkwürdige Wendung, dass der Mensch ein Wesen ist, das als Kind Gottes nicht lügt und betrügt. Ich frage mich, ob dies wirklich so ist. Ich denke, in den allermeisten Fällen betrügen und lügen wir nicht. Vielleicht lügt der Durchschnittsmensch auf der Ebene der Notlügen, aber dass Lug und Trug unser Leben bestimmen würden, da können wir mit ruhigem Gewissen behaupten, dass dies nicht so ist.
Bevor wir allerdings die Mahnung des Predigttextes abschreiben als etwas, was uns ganz und gar nicht angeht, sollten wir einen Moment innehalten. Lug und Trug bestimmen unser Leben nicht. Aber sind wir tatsächlich frei davon? Gehört nicht Selbstbetrug auch in diese Kategorie? Wir reden uns ein, alles sei in bester Ordnung in unserem Leben. Wir beruhigen uns selber, obwohl wir in den Tiefen unserer Seele wissen, dass dies oft nicht stimmt. Zugegeben, in den allermeisten Fällen schadet der Selbstbetrug nur uns selber, aber er schadet uns, indem er die Strukturen der Seele untergräbt. Er stellt damit eine grössere Gefahr dar als gemeinhin angenommen. Der Verfasser des Predigttextes weiss um diese Gefahr und mahnt die Menschen. Er weist darauf hin, dass die Kinder Gottes die Möglichkeit haben, anders leben zu dürfen. Ich denke, wenn wir an Weihnachten denken und daran, wassie bedeutet, so ist diese Mahnung sicherlich wert, zumindest bedacht zu werden. Wir können uns selber nicht aus den Fängen der Selbstlügen befreien. Wir haben aber einen Gott, der die Voraussetzungen dafür schafft, dies erreichen zu können. In der Gemeinschaft mit Gott hat nämlich der Mensch die Möglichkeit, sich selber und die eigenen Voraussetzungen und Möglichkeiten im Licht der Gnade Gottes zu sehen. Was man da sieht, ist eine gute Voraussetzung dafür, frei und menschenwürdig leben zu können. Gott steht zu dem Menschen! Die Aussage, dass die Menschen zu Gott gehören, dass sich Gott ihrer annimmt, ist eine der wichtigsten Aussagen unseres Predigttextes.
Oft haben wir Menschen den Eindruck, dass wir allein gelassen werden in der Welt mit all unseren Fragen und Problemen. Andererseits bekommen wir den Eindruck, dass wir alles machen können, was uns einfällt. Oft, ganz oft sogar, geht dies gut. Es kann aber der Moment kommen, in dem der Mensch vor schwierige Entscheidungen gestellt wird. Dies sind dann die Momente des Zweifels und Selbstzweifels im Leben, welche das Leben der Einzelnen wirklich erschüttern können.
Unser Predigttext tröstet den Menschen: Wir gehören zu Gott. Wir sind sein Volk. Die Gnadentaten Gottes beinhalten auch, dass Gott Verantwortung für sein Volk übernimmt und so die Seinen leitet. Gott wurde der Retter der Menschen, indem er sie als sein Volk betrachtet und so an ihnen handelt. Allerdings geschieht dies in aller Freiheit. Auf die ewige Frage, warum doch ein gnädiger Gott zulässt, dass in der Welt die Menschen so viel Schlechtes oder gar Böses tun, antwortet die Bibel damit, dass Gott den Menschen in seiner Freiheit respektiert. Dazu gehört auch, dass Gott uns Freiraum lässt und uns die Möglichkeit gibt, sein Angebot an uns auch abzulehnen. Er hat uns mit Vernunft und Entscheidungsfreiheit ausgestattet. Wir sind aber diejenigen, die dies gebrauchen müssen. Weihnachten steht dafür, dass Gott so handelt, dass er dem Menschen die nötige persönliche Freiheit schenkt. Er kommt uns nahe, aber er erdrückt uns nicht. Er lässt zu, dass wir die Entscheidungen selber treffen.
Gott handelt auch dann solidarisch mit dem Menschen, wenn manche unserer Entscheidungen nicht immer die glücklichsten sind. Unsere Not ist auch seineNot. Dies zeigt sich deutlich, oder sogar überdeutlich, in der Geschichte der Weihnacht. Sein solidarisches Handeln an uns beruht auf dem Fundament der Liebe Gottes zu uns Menschen. In unserem Predigttext lesen wir davon, dass Gott die Menschen emporgehoben hat, weil er sie liebt und Mitleid mit ihnen hat. Ich denke, dies ist sicherlich etwas, was wir in unseren Alltag mitnehmen können und mitnehmen dürfen: Wir haben einen Gott, der uns das stabile Fundament seiner Liebe zusichert. Wir haben einen Gott, der uns die Möglichkeit schenkt, in Gemeinschaft mit ihm leben zu dürfen.
Das bedeutet bei Weitem nicht, dass die Ängste, Sorgen, Unsicherheiten und der Selbstbetrug aus unserem Leben verschwinden, aber es bedeutet, dass wir wissen dürfen: In all den schwierigen und ganz unterschiedlichen Situationen des Lebens sind wir von Gott getragen. Die Ermutigung des Predigttextes gilt auch uns:
«Aus Liebe und Mitleid befreite er sie. Er hob sie hoch und trug sie die ganze Zeit.»
Amen.

