(Predigt gehalten in der Kirche Vordemwald am 16. 02.2025- Sonntag Septuagesimae)
Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit.
16 Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern?
17 Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit?
18 Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.
(Pred. 7:15-18)
Liebe Gemeinde,
Es gibt wenige Sprüche, die solch eine grosse Wirkung hatten, wie die Regel vom «goldenen Mittelweg», zumindest glaube ich das. Generationen von Eltern haben sie an ihre Kinder weitergegeben, weitertradiert, ohne je deren Sinn in Frage zu stellen. Langsam ist sie zu einem Allgemeingut geworden. Man weiss um den goldenen Mittelweg auch dann, wenn man ihm nicht folgt. Nun stehen wir aber heute am Sonntag Septuagesimae, also siebzig Tage vor Ostern da. Wir hören als Predigttext die Worte, die so sehr abgedroschen klingen, dass es für viele beinahe peinlich ist. Natürlich würde dies kein Mensch zugeben und schon gar nicht öffentlich verlauten lassen, aber die Worte des Predigttextes irritieren doch gewaltig. Lasst uns bei dieser Irritation bleiben und danach fragen, was für eine Relevanz diese Worte für uns haben könnten.
Wenn man diese Irritation beibehält und nicht gleich weghört, so mutet es den Zuhörer sonderbar an, dass hier offensichtlich jemand redet, der ganz genau von der Vergänglichkeit des eigenen Lebens weiss. Damit verbunden ist natürlich das Wissen, dass alles im menschlichen Leben relativ und als solches vergänglich ist. Die flüchtigen Tage sind das, was zu dem Menschen gehört. An einer anderen Stelle betet deshalb der Psalmist, dass Gott ihn lehren möge, die flüchtigen Tage zu zählen, d.h. mit richtigem Inhalt zu füllen. Denn darum geht es doch letztendlich in jedem Leben: wieviel Wert kann ich während meiner flüchtigen Tage leben? Die Frage ist also letztlich wirklich die alte Frage: was will und was kann ich in meinem Leben von den Werten verwirklichen, die mir wichtig sind. Es geht doch darum zu sehen, dass die Sinnsuche des Menschen nur dann produktiv ist, wenn man um die Vergänglichkeit des eigenen Lebens weiss. Wer davon weiss, dass das Leben nicht unendlich ist und mit dieser Ansicht Frieden geschlossen hat, hat schon einiges im Leben erreicht. Wer so lebt, weiss um die Relativität der momentan erkannten Weisheit und kann ruhiger leben. Vielleicht sollte man den nicht ganz ernst gemeinten Spruch einer Schauspielerin beherzigen, in dem sie folgendes sagt. «Ich bin da, um mich zu wundern.» Dieses sich Wundern ist aber gerade das, was der Mensch vielleicht nicht ganz zuerst, jedoch ziemlich schnell verlernt. Dabei wäre dies der allertollste Anfang der neuen Sicht auf das Leben. Wie es auch immer mit unserer Fähigkeit steht sich zu wundern, der Verfasser des Predigttextes mahnt uns zur Bescheidenheit, in dem er sich selber in die Reihe derer stellt, die um die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens wissen.
Unser Predigttext gehört zu den meist diskutierten und kontroversesten Texten aus dem ganzen Buch Prediger. Wollen wir den ersten Satz sinngemäss ins Deutsche übersetzen, so hiesse es etwa, dass der Gerechte aufgrund seiner Gerechtigkeit zugrunde geht und ebenso der Ungerechte gut lebt auf Grund seiner Ungerechtigkeit. Ist dies aber wirklich so? Kann man auf Grund der Gerechtigkeit zugrunde gehen? Sollte es nicht vielmehr so sein, dass der gerechte Mensch ein langes oder zumindest ein erfülltes Leben hat? Unser Predigttext lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass im Leben der Menschen keinerlei schwarz- weiss Denken dauerhaft Gültigkeit haben kann. Natürlich sind wir alle dazu geneigt, in diversen Schemata zu denken. Wir pressen andere in Kategorien, die wir ihnen zuschreiben. Und dies funktioniert bestens eben bis zu dem Moment, in dem wir einmal damit konfrontiert werden, dass das Leben unsere bis anhin wohlbewährten Schemata und Schubladen überschreibt. Was macht man dann? – fragt sich der Mensch. Zumindest nachdenken sollten wir auf jeden Fall angesichts solcher Entwicklungen. Unser Predigttext möchte unsere Aufmerksamkeit auf den achtsamen Umgang mit dem Urteil lenken. Denn, und dies ist eine allgemeine menschliche Haltung, im Urteilen sind wir meistens schnell und auch gut. Oft denken wir, dass wir bereits alles wissen und dass wir im Stande sind, ein gerechtes Urteil zu fällen. In vielen Fällen ist dies in der Tat so. Was ist aber mit den Fällen, wo dies nicht zutrifft? Menschen neigen nun mal dazu, sich selbst und ihre Wahrnehmung und ihr Urteilen als absolut zu betrachten und werden dabei zu Tyrannen. Ganz interessant ist zu beobachten, wie dies in kleinen Gemeinschaften, wie z.B. in Schulklassen geschieht. Es reicht, wenn sich ein Kind nicht so verhält wie die anderen. Schon wird es zuerst einmal schräg angeschaut, danach aber ziemlich bald aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Das Phänomen nennen wir heute Mobbing. Unser Predigttext richtet sich nicht in erster Reihe an Schülerinnen und Schüler, sondern an erwachsene Menschen, die dazu neigen, das und nur das als richtig zu erkennen, was ihrem Urteil entspricht. Der Verfasser unseres Predigttextes hat schon einiges in seinem Leben gesehen und eingesehen. Deshalb mahnt er nun auch uns, nicht vorschnell und damit nicht oberflächlich zu urteilen. Vielleicht liegen ja die Sachen ganz anders als wir denken.
Allerdings ist die Forderung aus dem Predigttext alles andere als leicht zu erfüllen. Es geht darum, dass der Mensch sich zurückhaltend verhalten soll und bedacht durch das Leben geht. Das Problem dabei ist, dass wir an etwas anderes gewöhnt sind. Sich zurückzunehmen, sich auf etwas zu besinnen, fällt uns heutigen Menschen schwerer als zuvor. Wir Meiungstyrannen der Moderne haben es nicht gerne, wenn wir zurückgepfiffen werden, egal in wessen Namen dies geschieht. Allerdings, und dies finden ich besonders tröstlich: der Verfasser des Predigttextes weiss, dass diese Forderungen nicht allzu leicht zu erfüllen sind. Deshalb hörten wir die Formulierung: «sei nicht zu oft ungerecht»…
Für mich persönlich ist diese Formulierung tröstlich. Es geht also nicht darum, dass ich ein wie auch immer geartetes Vollkommenheitsideal zu erreichen habe. Natürlich muss ich es anstreben und selbstverständlich darf ich jeden Tag neu dazu lernen. Aber, und dies ist mir ganz wichtig: in dieser Formulierung liegt die Möglichkeit drin, dass ich mal in eine Situation geraten kann, in der ich nicht alles perfekt meistere. Natürlich versucht jeder von uns möglichst gerecht und ausgewogen zu urteilen. Aber, Hand aufs Herz: wie oft müssten wir zugeben, falls wir ehrlich sein wollen, dass wir dies oder das falsch beurteilt haben, diesem oder jenem Menschen nicht gerecht geworden sind. Es braucht aber ein gewisses Grad an Bescheidenheit, dies zugeben zu können. Und wenn man sich dazu durchgerungen hat, sieht man, welche andere Sichtweise sich dadurch für den Menschen eröffnet. Wir können vielleicht so formulieren: wenn ich lerne, meine Fehleinschätzungen einzugestehen, lerne ich eine ganze Menge über mich selber, aber auch über den anderen Menschen. Und diese Art von Lernen haben wir alle immer wieder nötig.
Wenn wir diese Worte in der Zeit hören, wo wir die Augen bereits auf den nächsten Höhepunkt des Kirchenjahres richten, so bekommen diese Worte eine besondere Brisanz. Denn, wenn wir an die Geschichte von Jesus von Nazareth denken, so ist diese Geschichte von Missverständnissen und Fehlurteilen allerlei Arten vollbeladen: Angefangen mit seiner Geburt und fortlaufend bis zu seiner Kreuzigung. Ein ständiger Begleiter des Menschensohnes seitens der Zeitgenossen war die Fehleinschätzung seiner Person und seines Werks. Dies führte sogar so weit, dass er im Namen von menschlicher Furcht und Angst zum Tode verurteilt wurde. Denn, ich glaube, dass es kaum etwas gibt, was den Menschen so sehr aus dem Konzept bringen würde wie die Tatsache, dass er eine Situation falsch eingeschätzt hat. Wenn die Demaskierung droht, so sind Menschen für vieles fähig, nur um dies zu verhindern. Die wiederkehrenden politischen Skandale in aller Welt zeugen davon. Nun ist es aber so, dass gerade die Geschichte von Jesus von Nazareth zeigt, dass Gott ein viel grosszügigerer Gott ist als wir meinen. Er hat sich für uns und für unser Leben mit all den Fehlern und Fehleinschätzungen eingesetzt, die in unserem Leben dazugehören.
Die befreiende Forderung unseres Predigttextes ist gerade im Hinblick auf die Geschichte von Jesus von Nazareth ganz klar und deutlich. Der Mensch wird von der Last der eigenen Urteile befreit. Das heisst nicht, dass man gar nicht zu urteilen hat, denn dies gehört ja zu dem dazu, was wir Mensch nennen. Wir können nicht leben, ohne in dieser oder jener Weise zu urteilen. Wir müssen aber nicht mit der Last der Fehler leben, sofern wir uns redlich darum bemühen, weder zu selbstgerecht, noch zu selbstvergessen zu sein.
«Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht»- heisst es im Predigttext von heute. Vielleicht sollten wir damit beginnen, die richtigen Prioritäten zu setzen und danach zu fragen, was in einer konkreten Situation die Handlung ist, die Gott die Ehre gibt, indem ihn ernst nimmt.
Amen