/Predigt gehalten am Musikgottesdienst (Thema: Klagen und Hoffnung) am 15. März 2026 in der Stadtkirche Zofingen/
[2] Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren vernehmen den Ruf meines Flehens.[6] Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, mehr als die Wächter auf den Morgen.
/Psalm 130, 2.6/
Liebe Gemeinde,
Wann haben Sie sich zum letzten Mal wegen irgendetwas beklagt? Ich meine nicht unsere alltäglichen Nörgeleien wegen etwas, das uns nervt, sondern so wirklich bitter aus der Tiefe der Seele… War es gestern, gar heute, oder letzte Woche, oder können Sie sich nicht mehr daran erinnern? Macht denn eine Klage die Lage leichter? Vielleicht nicht, aber sie gibt uns das Gefühl, erleichtert zu sein.
Nun, wenn man die Bibel liest, ist sie voll mit Menschen, die sich angesichts der schwierigen, zum Teil wirklich aussichtslosen Lagen beklagen. Auch wenn das Problem durch die Klage nicht verschwindet, bekommen wir den Eindruck, dass die Menschen der Bibel ein Stück weit wieder aufatmen können. Ob dies auch bei uns so funktioniert?
Im heutigen Gottesdienst haben wir den Psalm 130 als Predigttext gehört, einer der bekanntesten sogenannten «Klagepsalmen» der Bibel. Johann Sebastian Bach hat aus diesem Psalm eine unvergesslich schöne Kantate komponiert. Darin bringt er wunderschön die Zusammenhänge zwischen Klage, Warten und Hoffnung zum Ausdruck. Ich denke, genau das ist es, was wir uns heute anschauen sollen: Wie stehen Klage, Warten und Hoffnung zueinander?
Steht nämlich die Klage allein, haben wir es mit einem verzweifelten, verbitterten Menschen zu tun, der nicht mehr hofft und im Grunde genommen nur dahinvegetiert. So wollen wir unser Leben nicht leben. Wie also, wenn im Leben Schwierigkeiten kommen und wir oft nicht wissen, wohin mit unseren Sorgen, Fragen und Ängsten?
Der Psalm 130 zeigt uns einen Weg, wie wir aus der Spirale der Klage in Richtung eines Hoffnungsschimmers gehen können.
Wenn man den Psalm anschaut, fällt schon beim ersten Lesen etwas auf: Es spricht hier jemand, der fest davon überzeugt ist, ein Gegenüber zu haben, das seine Worte versteht. Ich denke, das ist eines der entscheidendsten Elemente biblischer Klagen. Wer sich in der Bibel beklagt, weiss um die Existenz Gottes und agiert als jemand, der davon überzeugt ist, ein Gegenüber zu haben. Ich meine, dass genau das den Unterschied macht. Zu wissen, dass jemand mich hört, mir zuhört, auch wenn er nicht alle meine Probleme löst, ist ein wichtiges Wissen. In der Seelsorge sprechen wir davon, dass dieses Wissen eine wichtige Ressource ist, damit wir schwierige Situationen ertragen können.
Denken Sie nur daran, wie gut es tut, einen Freund oder eine Freundin zu haben, die einen versteht, die man anrufen kann, mit der man sich treffen kann, bei der man ehrlich sein kann und alles, was einen beschäftigt, sagen darf – ohne Beschönigung. So einen Freund, so eine Freundin zu haben, ist wirklich ein Geschenk.
Wie viel mehr trifft denn diese Aussage auf Gott zu. Gott, der mich ins Leben gerufen hat, der mich begleitet, ist als ein Freund für mich da, bei dem ich alles, was mich belastet, deponieren kann. Das Wissen, dass ich ein Gegenüber in Gott habe, kann für uns ein stärkendes Wissen sein. Schon in den ersten Kapiteln der Bibel tritt Gott als Gegenüber des Menschen auf. Das bleibt er immer wieder im Laufe der Geschichte. Davon wissen die Psalmisten, und davon dürfen auch wir heutigen Menschen wissen.
In unserem Predigttext haben wir zwei Verse gehört. In einem hörten wir die Bitte, dass Gott unser Flehen erhören soll: «Lass deine Ohren vernehmen den Ruf meines Flehens…» – so lesen und hören wir dies in der Zürcher Bibel. Das Bild ist aussagekräftig. Gott wird als jemand dargestellt, der Ohren hat und bereit ist, das Flehen des Menschen zu hören. Als wirkliches Gegenüber verschliesst er sich nicht vor dem Flehen des Menschen.
Worum geht es hierbei? Das Wort «Flehen» wird im heutigen deutschen Sprachgebrauch wenig benutzt. Es gilt als veraltet und als Teil einer gehobenen Sprache. Es scheint, dass der Begriff weit von unserer alltäglichen Erfahrung entfernt ist. Mit dem Begriff bezeichnet man eine existentielle Notlage eines Menschen und die daraus hervorgehende Klage. Beim Flehen, welches von Gott erhört werden soll, geht es um etwas, das das Leben eines Menschen im wörtlichen oder übertragenen Sinn gefährdet.
Im Psalmtext hörten wir auch, dass der Psalmist «aus der Tiefe» zu seinem Herrn ruft. Der Begriff bezeichnet ebenfalls eine existentielle Notsituation. Die Kräfte des Chaos drohen den Einzelnen zu verschlingen, und es gibt keine Aussicht auf menschliche Rettung. Da ruft der Psalmist nach Gott, der versprochen hat, seine Schöpfung nicht im Stich zu lassen.
Die existentiellen Tiefen, in denen der Mensch sich befinden kann und die ihn in völlige Verzweiflung bringen können, sind vielfältig. Aber das Wissen, dass Gott auch dort mit uns ist, gibt Hoffnung und macht das Warten erträglich.
Denn genau darum geht es im ganzen Psalm und ganz speziell in unserem zweiten Bibelvers des Predigttextes: Wie wartet man?
Im Predigttext wird das Warten des Menschen mit dem Warten eines Wächters verglichen, der eine ganze Nacht hinter sich hat und auf den Aufgang der Sonne wartet. Ein Wächter hat eine bestimmte, klar definierte Aufgabe. Er ist eingesetzt, damit er diese Aufgabe erfüllt und trägt die Verantwortung dafür. Sie wussten, dass die Sonne aufgehen wird, und dann konnten sie die Last und Verantwortung abgeben.
Wenn das, was wir festgestellt haben, stimmt, so ist das Warten der Wächter – und damit das Warten des Menschen auf Gott – existentiell spezifisch. Ich denke, das macht ihr Warten besonders: Sie haben nicht nur gewartet, sondern mit Hoffnung und Gewissheit darauf gewartet, dass sie aufatmen können.
Ich denke, genau diese Situation können wir nachvollziehen. Auch wenn der Mensch in diversen schweren Lebenssituationen sein mag – die Hoffnung und damit verbunden das Wissen, dass Gott ihn nicht fallen lässt, macht die verschiedenen Situationen im Leben erträglich. Das Wissen, dass Gott kommt, ist ein Wissen, das uns Kraft und Hoffnung schenken kann. Gerade in schwierigen, existentiellen Notsituationen ist es wichtig, auf dieses Wissen zu bauen.
Kurt Marti hat einmal gesagt, dass die Herren der Welt kommen und gehen, aber unser Herr kommt. Dieses Wissen kann auch uns heutigen Menschen Hoffnung schenken. In Kurt Martis Auffassung ist der Mensch, als «Ich-Tier» auf sich selbst fixiert, darauf angewiesen, dieses Wissen im eigenen Leben einzubauen.
Geschieht dies, so wird aus dem Klagen ein wirkliches Ventil, das dem Menschen den nötigen Freiraum zum Atmen ermöglicht. Ein Freiraum, in dem der Mensch wenigstens für einen Moment die Last abgeben kann und – den Wächtern ähnlich – aufatmen kann.
Die Hoffnung, dass dies auch heute geschehen kann, qualifiziert das Warten des Menschen. Voller Sehnsucht darf auch der heutige Mensch darauf warten, dass Gott sein Versprechen erfüllt. So wird aus der Klage durch das Aufatmen ein Raum der Hoffnung für alle Menschen. So wird das Gebet: «Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren vernehmen den Ruf meines Flehens» nicht nur ein schöner liturgischer Text, sondern eine Bitte, die auch uns heutigen Menschen Hoffnung schenken kann.
Amen

