Ich lese Karl Barth als Denkbewegung und nicht als abgeschlossenes System. Die Kirchliche Dogmatik lädt zum Mitdenken, Nachdenken und Selberdenken ein. Sie verlangt von Theologinnen und Theologen, im Austausch zu arbeiten, kritisch zu prüfen und eigene Gedanken zu verantworten. Eine solche Theologie ist keine Monumentaldogmatik, sondern ein Weg: der immer neue Versuch, die Wirklichkeit im Licht der Versöhnung zu begreifen. Sie ist zugleich eine Theologie für die Gemeinde, die das Pfarramt in seiner theologischen Arbeit unterstützt. Ihr Grund ist der dreieinige Gott, dessen Bewegung, die Perichorese, starre Begriffe und zentralistische Denkschemata ausschließt.
Aus diesem Grund hat Barths Theologie ein ideologiekritisches Potenzial. Wo Gott allein das absolute Zentrum ist, verlieren alle anderen Absolutheitsansprüche ihre Autorität. Besonders deutlich zeigt sich das im Bild des königlichen Menschen (KD IV/2, § 64.3): Jesus von Nazareth ist der Mensch schlechthin, der der Seinsweise Gottes entspricht. In ihm geschieht, mit Eberhard Jüngel gesprochen, eine Umwertung aller Werte. An ihm müssen sich alle Herrschaftsansprüche messen lassen.
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Rezeption Barths. Ich frage, wie seine Theologie gelesen, gedeutet und weitergeführt wurde, und welche Lesarten bis heute die Forschung prägen. In meiner Habilitationsschrift zur Pneumatologie setze ich mich mit den großen Barth-Deutungen auseinander, etwa mit Ingrid Spieckermann, Bruce McCormack und Eberhard Busch. Von 2007 bis 2015 leitete ich das Mittel-Ost-Europäische Karl Barth Forschungsinstitut in Debrecen. Dort stand besonders die Frage im Mittelpunkt, was Barth unter den Bedingungen Mittel- und Osteuropas heißen kann. Meine Beiträge zu Barths Calvindeutung und zur Dogmatik nach Barth setzen diese Linie fort.
Die reformierte Theologie ist für mich ein Herzensanliegen, und dabei ist der Heidelberger Katechismus mein Ausgangspunkt. Schon 2001 habe ich eine „Einführung in die Welt des Heidelberger Katechismus” veröffentlicht. Seither hat mich der Katechismus nicht mehr losgelassen: Ich habe gefragt, ob er ein dogmatisches Lehrbuch oder ein Wegweiser zum christlichen Leben ist, und seine Ethik als Grundlage und Richtlinie für moralische Urteilsbildung heute neu gelesen (u. a. in „Amt und Gemeinde” 2012/13). Gemeinsam mit Károly Fekete habe ich den Sammelband „Vigasztaló ismeret” („Tröstliche Erkenntnis”) zur Theologie des Katechismus herausgegeben (2013). In meiner Lehre in Debrecen habe ich über Jahre die „Ethik der Bekenntnisschriften” unterrichtet. Der Katechismus ist für mich ein Trostbuch und zugleich ein Lehrbuch der Freiheit: Er führt von der Not über die Befreiung zur Dankbarkeit und lädt dazu ein, das Leben verantwortlich zu gestalten.
Von hier aus ergeben sich manche meiner weiteren Themen: das sechste Gebot und die Frage nach Leben und Tod, die Beurteilung des Wuchers, Bioethik, Natur- und Ökotheologie, Scham, Identität sowie das theologische Verständnis des Suizids, das sich in der reformierten Tradition gewandelt hat. Dazu kommen Fragen nach der Gestalt der Kirche in der Öffentlichkeit und einer „anständigen Gesellschaft” und Beiträge zu Calvin.
Mit der ungarischen Ausgabe von K. H. Miskottes „Wenn die Götter schweigen” mache ich ein Schlüsselwerk der reformierten Theologie des 20. Jahrhunderts einer neuen Leserschaft zugänglich.