/Predigt gehalten in der Stadtkirche am 24. Dezember 2025/
[24] Mein Knecht David wird ihr König sein,ein einziger Hirte für das ganze Volk. Sie werden meine Gebote beachten und meine Anordnungen bewahren und befolgen. [25] Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe. Dort haben schon ihre Vorfahren gewohnt. Jetzt werden sie, ihre Kinder und Enkel für alle Zeit dort wohnen. Und mein Knecht David wird für alle Zeit über sie herrschen. [26] Dann schließe ich einen Bund des Friedens mit ihnen. Dieser Bund wird für alle Zeit gelten. Ich gebe ihnen das Land und sorge dafür, dass sie sich vermehren. Für immer wird mein Heiligtum in ihrer Mitte sein. [27] Ich werde unter ihnen wohnen und ihr Gott sein. Und sie, sie werden mein Volk sein. [28] Mein Heiligtum wird für alle Zeit mitten unter meinem Volk stehen. So werden die Völker erkennen, dass ich, der Herr, Israel heilig mache.(Hesechiel 37, 24-28)
Liebe Gemeinde,
„Was ischt es vor a Nacht?“ – fragen die Sängerinnen im bekannten Krippenspiel von der Zäller Wiehnacht. Und ähnlich könnten wir fragen: Was ist es für eine Welt, in der wir nun Weihnachten feiern wollen? Die Verwunderung aus dem Lied von Jakob Burkhardt ist berechtigt, und ebenso berechtigt ist auch unsere Frage nach der Welt, in der wir leben und nun feiern möchten.
Halten wir aber einen Moment inne und denken an die Geschichte der ersten Weihnacht, so müssen wir zumindest zur Kenntnis nehmen, dass die Situation der Welt damals nicht allzu gut gewesen ist. Zwar herrschte in der damals bekannten Welt der mit Blut erkaufte Frieden des Römischen Reiches, doch die einfachen Leute nahmen vor allem Unruhe wahr. Besser als uns heute ging es den Menschen sicher nicht. Und wenn man nach der Nähe Gottes in jener Zeit fragt, braucht man nur nach Bethlehem zu schauen: Gott ist dort – mitten im Geschehen, verletzlich, in Menschengestalt und ganz ausgeliefert. Der König der Welt lässt sich ausliefern an den Hass der Mächtigen, an die Erbarmungslosigkeit der Menschen und an die Grausamkeit der Welt. So war es an der ersten Weihnacht; so wurde es in den Evangelien überliefert.
Wir hörten nun einen Predigttext aus dem Alten Testament, aus dem Buch Hesekiel, von einem Propheten, der in einer schwierigen Zeit lebte und eine nicht gerade leichte Aufgabe hatte. Er musste seinem Volk trotz der gegenwärtigen Not Trost und Hoffnung zusprechen. Hesekiel musste seinem Volk zuerst etwas Sonderbares vermitteln, nämlich dass es ein fataler Fehler ist, Gott inmitten der Dunkelheit in einer Gestalt zu suchen, in der man ihn zu finden meint. Gott, der Herr der Geschichte, ist kreativ und grossartig genug, dass er sich gerade dort finden lässt, wo man am wenigsten mit ihm rechnet.
Wenn man den Worte der Propheten genau zuhört, erklingt darin eine wunderbare Botschaft, die für uns an diesem Weihnachtsfest von Bedeutung ist: Man kann und darf nach Gott fragen – aber man findet ihn nur, wenn man im alltäglichen Leben aufmerksam bleibt. Der Prophet zählt seinem Volk einige Dinge auf, die für den gläubigen Menschen damals selbstverständlich waren: die Hoffnung auf das Reich Davids, das Leben nach den Satzungen Gottes und einiges mehr.
Doch was bedeutet das für die Suche nach Gott? Und was kann es für uns an Weihnachten bedeuten? Denn – das wissen wir – die Zeiten haben sich geändert, und auch die Menschen. Aber wie steht es mit Gott? Ich denke, wir liegen falsch, wenn wir die Frage so stellen. Gott, der an Weihnachten Mensch wurde, kommt uns Menschen nahe – aber nur unter der einen Voraussetzung: dass wir nicht vergessen, dass nicht wir, sondern seine Liebe die Voraussetzung der Menschwerdung ist. Nicht wir haben es verdient, dass Gott Mensch wurde; vielmehr ist er Mensch geworden, weil er uns nahe sein möchte.
Die Menschen an der ersten Weihnacht haben dies entweder intuitiv gespürt, wie die Hirten, oder genau gewusst, wie die Sterndeuter. Die Zuhörer Hesekiels mussten es erst lernen. Und in diesem Punkt sind wir heutigen Menschen ihnen nicht überlegen. Gott ist dem Menschen nahegekommen – nicht in der Form, die man erwartet hätte, und nicht so, dass man es hätte voraussehen können, sondern ganz überraschend. Der König der Welt in einer Futterkrippe: Das ist ein Gott der Überraschungen. Überraschen konnte er in der Geschichte, und seine Menschwerdung bleibt ein Geheimnis, das uns immer wieder neu überraschen will. Die Frage ist: Lassen wir uns überraschen – oder nicht?
Ich kenne Menschen, die nichts mehr hassen als Überraschungen. Sie haben Mühe damit, denn Überraschungen sind nicht berechenbar, nicht planbar und darum eine Gefahr. Für solche Menschen ist Gottes Handeln gefährlich, riskant, ja vielleicht sogar lächerlich. Das Weihnachtsevangelium erzählt uns jedoch eine Geschichte, in der Gottes überraschendes Handeln heilbringend wird.
Die Zuhörer Hesekiels – und viele Menschen heute – wollen von einem Gott, der uns ohne Vorbedingungen annimmt, nichts wissen. Gott soll sich gefälligst an die Regeln halten, die wiraufstellen, sich schön einordnen – und dann würden wir ihn vielleicht erkennen und anerkennen. Doch – bei Hesekiel wie auch in den Evangelien – so funktioniert es nicht. Wir haben einen Gott, der uns liebt und von uns nur eines fordert: dass wir sein Volk sein sollen. Eigentlich eine leichte Sache – oder doch nicht?
Leicht ist es nicht. Aber es ist die einzige Möglichkeit für den Menschen, sich an das zu klammern, was Gott uns zusagt. Die Zuhörer Hesekiels wollten nicht akzeptieren, dass Gott so Gott sein möchte, wie er es angekündigt hat. Doch sie mussten es lernen, dass es so und nicht anders ist. Und wir dürfen wissen, was Hesekiel nur hoffen konnte: Gott kommt den Menschen nahe, um sie zu beschenken.
Eine grosse Frage der Reformatoren lautete: Was habe ich davon, wenn ich glaube? Und viele moderne Menschen fragen ähnlich: Wozu ist es gut, dass ich glaube? Eine Antwort darauf ist nicht leicht, vor allem für Menschen, die sich in Detailfragen der Menschwerdung verlieren. Aber vielleicht braucht es das gar nicht. Vielleicht müssen wir uns damit zufriedengeben, das grosse Bild und die grosse Zusage Gottes ernst zu nehmen – und uns auf das zu verlassen, was uns aus den alten Versen der Bibel entgegenschallt: Gott ist ein Gott, der Frieden stiften möchte, ja mehr noch: der so bei den Menschen wohnen möchte, dass sein Heiligtum bei ihnen ist und bleibt.
Die Bibel verspricht uns, dass wir in Gottes Nähe Frieden finden und Teil eines Friedensbundes werden können. Das ist für mich eine helle und tröstende Zusage in diesem Fest. Wir alle sehnen uns nach Frieden, doch meist soll dieser Frieden so aussehen, wie wir ihn uns vorstellen. Die Bibel aber sagt: Der Mensch kann Teil von GottesFriedensbund werden. Und das ist etwas grundlegend anderes. Denn dieser Bund ist nicht von uns gestiftet – er wird uns gegeben. Gottes Friedensbund ist Gottes Werk, nicht das Werk des Menschen.
Mitten in der Dunkelheit der Welt hat Gott ein Werk des Friedens für uns bereitet. Wir dürfen Teilhaber, ja Bürger seines Friedensreiches sein, selbst dann, wenn um uns herum die Dunkelheit gross bleibt.
Doch wo soll man anfangen? Unser Predigttext zeigt: Wir müssen gar nicht anfangen – Gott hat längst begonnen. Er ist es, der für uns wirkt, der uns beschenkt und uns die Perspektive der Zugehörigkeit zu seinem Reich eröffnet. Sich überraschen lassen wie die Zeugen des Alten Testaments, sich beschenken lassen wie die Weisen – das ist das Geheimnis der Weihnacht.
Wir feiern Weihnachten in einer Welt, in der vieles bedrohlich dunkel ist. Der Predigttext ermutigt uns: Fangen wir nicht bei uns selbst an. Holen wir bei Gott Trost, Hoffnung und Zuversicht – denn bei ihm ist alles vorbereitet. Wir dürfen hoffen und darum beten, dass es uns geschenkt werde.
Einer der grossen Theologen des 20. Jahrhunderts, Eberhard Jüngel, hat gesagt:
„Wir wissen: Ein hilfreiches Wort kann die Erde erhellen. Gott hat sein Wort gesagt und wartet nur auf unser Amen als unsere Antwort, die in unserer Umwelt konkrete Gestalt gewinnen will.“
Vielleicht ist dieses Amen heute Abend ganz leise. Vielleicht aber ist es ein Staunen. Oder ein stilles Hoffen? Ich weiss es nicht, ich weiss aber, dass es genügt, denn der Friede Gottes will auch heute und gerade in unserer Welt Gestalt gewinnen.
Die Frage ist nur: Lassen wir es zu? – Gerade jetzt.
Amen.

