Pneumatologie und Ekklesiologie: Grundzüge meines Verständnisses

Ausgangspunkt: Vom Geist reden, ohne ihn zu besitzen

Die Lehre vom Heiligen Geist stand in der Theologie lange im Schatten. Heute ist das Interesse gross, doch das Reden vom Geist ist deshalb nicht klarer geworden. Oft muss «Geist» für alles Mögliche herhalten: für Begeisterung, Zeitgeist oder das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe.

Mein Ausgangspunkt ist deshalb eine Unterscheidung. Der Heilige Geist ist Gott und keine Eigenschaft des Menschen. Er ist kein Prinzip, mit dem sich die Wirklichkeit erklären liesse, und keine Haltung, die man sich aneignen könnte. Wer vom Geist redet, redet von einem Gegenüber, das sich nicht verfügbar machen lässt. Das verlangt Zurückhaltung, weil jede Rede vom Geist in Gefahr ist, ihn zu vereinnahmen. Es verlangt auch Klarheit, weil eine unbestimmte Rede vom Geist am Ende nichts mehr sagt. Eine gute Pneumatologie erkennt man daran, dass sie die ganze Theologie in ein neues Licht rückt, auch die Lehre vom Menschen. Auf die Zahl der Verweise auf den Geist kommt es dabei nicht an.

Der Geist als Ereignis und als Geist Christi

Der Geist wirkt in Begegnungen. Etwas bricht in ein Leben ein, was vorher nicht da war, und verändert den Menschen. Ich verstehe den Geist darum als Ereignis: als eine Wirklichkeit, die aus dem Gegenstand des Glaubens selbst auf uns zukommt und die wir nicht herstellen können.

Dieses Ereignis ist nicht beliebig, denn der Geist ist der Geist Christi. Er führt nicht über Christus hinaus zu neuen Offenbarungen, sondern macht gegenwärtig, was in Christus geschehen ist. Das schützt vor einer freischwebenden Geistlehre, die jede Erfahrung zur Geisterfahrung erklärt. Es schützt auch davor, dass der Geist zum Anhängsel der Christologie wird. Gerade in dieser Bindung ist er der lebendig machende, weckende und erleuchtende Gott.

Offen bleibt dabei, wie weit dieses Geschehen reicht, ob es nur die Glaubenden betrifft oder alle Menschen. Die Theologie darf hier hoffen und beten, ohne Ansprüche zu erheben und ohne zu begrenzen. Der Geist ist frei, auch gegenüber den Grenzen, die wir ziehen.

Der Geist als Band der Liebe

Im Rahmen des trinitarischen Glaubens verstehe ich den Geist als das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn. Ein Band des Friedens kann man unpersönlich denken, ein Band der Liebe nicht. Wer den Geist so versteht, nimmt seine personale Wirklichkeit ernst.

Das hat Folgen für das Menschsein. Der Geist nimmt den Menschen in die Beziehung Gottes hinein, ohne ihn zu vergöttlichen. Er schützt gerade dadurch das Menschsein und schenkt Freiheit. Diese Freiheit ist keine Eigenschaft, sondern eine Gabe, die von aussen kommt und doch das Eigenste des Menschen freisetzt. Zugleich warne ich vor einer Verkürzung: Wo nur noch von Kräften und Energien die Rede ist, droht die trinitarische Gestalt der Theologie in eine Zweiheit zu zerfallen. Der Geist ist keine Kraft neben Gott, sondern Gott selbst.

Geist und Gebet: die Lebensform der Bitte

Weil der Geist nicht verfügbar ist, kann man ihn nur erbitten. Der Ruf «Komm, Schöpfer Geist» ist deshalb mehr als eine fromme Übung. Er sagt etwas über unser Verhältnis zu Gott: Wir sind angewiesen. Die Freiheit des Christen ist keine Eigenschaft, die er besitzt, sondern etwas, das er immer wieder empfängt.

Das hat ethische Konsequenzen. Dankbarkeit und Dienstbereitschaft lassen sich weder erzwingen noch wie eine Technik einüben. Sie entstehen dort, wo Menschen um den Geist bitten und ihn empfangen. Eine vom Geist geprägte Ethik rechnet darum nicht mit einem fertigen Repertoire richtigen Verhaltens. Sie bewahrt so vor Moralismus und vor einem Aktivismus, der sich verausgabt, weil er alles selbst leisten will.

Die Unterscheidung der Geister

Wo vom Geist die Rede ist, muss die Kirche auch unterscheiden können. Das Neue Testament fordert dazu auf, die Geister zu prüfen. Eine Kirche, die das vergisst, wird anfällig für alles, was sich geistlich nennt. Der Geist erneuert die Urteilskraft: Er schärft den Blick für den Unterschied zwischen Heiligem und Unheiligem und bewahrt vor Mächten, die Menschen beherrschen wollen.

In einer Zeit religiöser Vielfalt ist das wichtig. Die Suche nach Spiritualität ist ein Bedürfnis, das die Kirche ernst nehmen muss. Aber nicht alles, was sich geistlich gibt, ist Wirken des Geistes Gottes. Er ist nicht der Besitz einer Gruppe und lässt sich nicht an bestimmte Formen von Erfahrung binden. Die Theologie sucht darum das Gespräch mit den vielen Formen christlicher Geisterfahrung und hält zugleich daran fest, dass der Geist der Geist Gottes ist.

Kirche als Ereignis

Aus dieser Lehre vom Geist ergibt sich ein bestimmtes Verständnis von Kirche. Kirche ist keine Institution, die man einfach hat, sondern ein Geschehen: Sie ist, indem sie geschieht. Wo der Geist Menschen zusammenführt, die den Herrn in Freiheit anerkennen, entsteht Kirche. Sie lebt nicht aus ihrer Organisation und nicht aus der Zustimmung ihrer Mitglieder, sondern von dem, der sie versammelt.

Dieses Geschehen hat eine sichtbare Gestalt. Die Gemeinde ist die irdisch-geschichtliche Existenzform Christi: Menschen kommen zusammen, hören, beten, feiern Gottesdienst und handeln. Eine Kirche, die nur unsichtbar existierte, wäre keine. Ich teile die Warnung vor einem kirchlichen Doketismus, der so tut, als schwebe die wahre Kirche über allen Gestalten und Gebrechen. Zugleich geht die Kirche nie ganz in dem auf, was man an ihr sehen und messen kann. Man kann sie soziologisch beschreiben, aber diese Beschreibung bleibt flach. Zur Kirche gehört eine dritte Dimension, die nur im Glauben wahrgenommen wird: Sie ist Gottes Werk und nicht unser Besitz. Deshalb muss das Bekenntnis zur Kirche ein kritisches sein, das auch von Beschämung, Fragen und Trauer weiss.

Kirche in der Zwischenzeit: eschatologische Öffentlichkeit

Die Gemeinde lebt zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi. In dieser Zwischenzeit ist sie stark und schwach zugleich. Stark ist sie in der Gewissheit, aus Ostern zu leben und der Zukunft entgegenzugehen. Schwach ist sie, weil sie diese Wirklichkeit nicht besitzt, sondern nur glauben kann und auf den Geist angewiesen bleibt.

Hier hat die Rede von der eschatologischen Öffentlichkeit ihren Ort. Die Kirche hat einen eigenen öffentlichen Raum, der nicht von den Mehrheiten und Moden der Gegenwart bestimmt wird, sondern von Gottes Zukunft her. Sie muss ihn nicht erst schaffen, er ist ihr gegeben. Wo sie Gottesdienst feiert, tritt sie vor den, der die Macht hat, und damit anders auf als in den Räumen, in denen Macht verhandelt und legitimiert wird. Dieser Raum macht sie frei, einen Gegenraum zu bilden, in dem andere Massstäbe gelten, und die Frage nach der Würde des Menschen offenzuhalten.

Kirche und Macht

Die Kirche hat Strukturen, Ämter und Entscheidungsverfahren und braucht sie. Aber ihre Macht ist abgeleitet. Die einzige selbständig legitime Macht in der Kirche ist die ihres Herrn, alles andere ist Dienst. Daraus folgt eine doppelte Aufgabe. Die Kirche muss ihre Ordnung so gestalten, dass sie Beteiligung ermöglicht, Macht begrenzt und Entscheidungen durchschaubar macht. Und sie muss sich selbst befragen, bevor sie andere kritisiert, denn eine Kirche, die Machtmissbrauch in der Gesellschaft benennt und in den eigenen Reihen duldet, verliert ihre Glaubwürdigkeit.

Dass der Geist frei weht, ist dabei kein Argument gegen Ordnung. Die Ordnung der Gemeinde ist selbst Gottesdienst: ein Widerstand gegen Unordnung und Chaos im Vertrauen auf den Herrn der Kirche. Der Geist wirkt nicht gegen die Form, sondern in ihr, ohne an sie gebunden zu sein.

Profil ohne Ausgrenzung

In einer pluralen und polarisierten Gesellschaft stellt sich die Frage nach der Identität der Kirche neu. Menschen suchen Räume der Zugehörigkeit, und das ist legitim. Eine Kirche ohne Profil wird austauschbar. Eine Kirche, die ihre Identität darüber gewinnt, andere auszugrenzen, widerspricht ihrem Grund. Wer aus der Hoffnung auf Gottes offene Zukunft lebt, muss seine Zugehörigkeit nicht dadurch sichern, dass er Menschen ausschliesst. Er kann klar in dem sein, wovon er lebt, und offen für jeden, der dazukommen möchte.

Zusammenfassung

Pneumatologie und Ekklesiologie gehören für mich zusammen:

  • Der Geist ist Gott, kein Prinzip, kein Zeitgeist und kein Habitus.
  • Er ist Ereignis und Geist Christi: Er macht gegenwärtig, was in Christus geschehen ist, und bleibt frei.
  • Er ist das Band der Liebe und schützt so das Menschsein.
  • Er wird erbeten: Die Bitte ist die Lebensform des Glaubens und Grundlage der Ethik.
  • Kirche ist Ereignis und sichtbare Gestalt, die nicht in ihrer Form aufgeht.
  • Sie hat einen eigenen öffentlichen Raum, die eschatologische Öffentlichkeit, die sie frei macht gegenüber Moden und Mehrheiten.
  • Sie übt Machtkritik, zuerst an sich selbst, weil ihre Macht abgeleitet ist und dient.
  • Sie hat Profil ohne Ausgrenzung: klar in dem, wovon sie lebt, und offen für alle.

Eine Kirche, die aus dem Geist lebt, bleibt bei ihrer Sache und dient der Welt gerade dadurch.