Wer den Sohn hat?

/Predigt gehalten in der Stadtkirche und in der Kirche Strengelbach am 04. Januar 2026/

11 Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.

 12 Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht.

 13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt, ewiges Leben habt.

 (1Joh. 5:11-13)

Liebe Gemeinde,

Wir befinden uns heute am 2. Sonntag nach Weihnachten, am äussersten Rande des Weihnachtsfests. Die Lichter des Christbaumes und damit das Licht von Betlehem werfen noch ein schwaches Licht auch auf diesen Sonntag und auf uns, doch die helle Freude der Weihnacht sei vorüber. Man schaut schon voller Sorgen und auch Plänen  in die Zukunft, auf die Tage, die auf uns zukommen werden. Unser Alltag ruft uns. Genau deswegen tut es uns gut, noch  einmal inne zu halten und nachzufragen: was nehmen wir von der Weihnacht und deren Botschaft mit in unseren Alltag? Die Frage ist weder eine rhetorische noch eine banale. Denn, es gehört ja zum Wesen des christlichen Glaubens, dass unser Glaube auch die Lebenshaltung von uns formt oder jedenfalls formen sollte. So schwierig und lebensfern unser Bibeltext von heute auch scheinen mag, lasset uns doch nach dem Sinn der Aussage fragen: was heisst es für uns: wer den Sohn hat, der hat das ewige Leben.

Ich meine, mit dieser Bibelaussage aus dem Johannesbrief insofern etwas anfangen zu können, indem ich von der Bedeutung des Wortes „haben“ ausgehe. Haben bedeutet in unserem Sprachgebrauch, dass man etwas besitzt, dass man über etwas verfügen kann, ja man kann über einen Besitz bestimmen. Haben ist in unserer Welt mit einer ganz eindeutigen Bedeutung verbunden: wer etwas hat, dem gehört irgendetwas ganz und gar und ohne Vorbehalte. Doch, wenn man es sich ein wenig näher anschaut, so werden wir zugeben müssen, dass ein Besitz nicht immer eine bequeme Sache ist. Denn einen Besitz zu haben meint auch Verpflichtung und Verantwortung und allerlei andere, weniger bequeme Sachen. Haben hat also eine zumindest zweifache Bedeutung. Dies macht uns der Umgang mit dem „Haben“ gar nicht so einfach. Hinzu kommt dann auch noch eine merkwürdige Eigenart unserer Gesellschaft, dass sehr oft der Mensch dadurch definiert wird, was er hat. Wer etwas hat, ist jemand. Deswegen bemühen sich sehr viele von uns, möglichst viel an Haben und Besitz aufzuhäufen. Nun, das ewige Leben zu haben, ist in diesem Fall ein sehr kostbares Gut, aber wie geht man mit diesem „Besitz“ um? Können wir es überhaupt mit dem Begriff von „Besitz“ beschrieben, oder brauchen wir eine ganz andere Annäherung an diese Frage, sofern wir die Bedeutung des Johannesbriefes für uns verdeutlichen wollen.

Ich meine diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten zu können.
Meine Überlegungen zum Thema gehen von einem ganz anderen Ausgangspunkt aus. Es geht darum zu verdeutlichen, dass im Sinne des alten griechischen Denkens das Wort „haben“ mehr mit unserem Begriff von „Sein“ zu übersetzen wäre. In diesem Sinne bedeutet dies, dass es hier gar nicht so sehr um eine statische Wirklichkeit, sondern vielmehr um eine dynamische Beziehung geht. Wer so denkt, wird auch verstehen können, dass Johannes hier eine ganz tiefe Verbindung von Gott und Mensch vor Augen hat, die man nicht leichtfertig weggeben soll. Es geht also im eigentlichen Sinne gar nicht um einen Besitz, sondern um eine Beziehung zu Gott,  die man gar nicht hoch genug schätzen kann.

Es geht darum, eines ganz sicher zu wissen und darauf unser Leben aufzubauen: wir sind nicht allein. Wir sind in einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott. Indem wir dies wahrnehmen, ändert das auch unsere Einstellung zu den Mitmenschen. Doch dazu braucht es eine ganz sichere Hoffnung, dass man daran glaubt und darauf hofft, dass Gott uns – und zwar jede Einzelne von uns – als Personen wahrnimmt. Ich denke, sobald wir dies begriffen haben, ändert dies unsere Einstellung zum Leben, zu Gott und zum Mitmenschen überhaupt. Gott nimmt mich als Person wahr, mit eigenen Träumen, Plänen, Hoffnungen und Glauben. Genauso will er mit mir in Gemeinschaft treten, mit mir in Verbindung bleiben. Ich denke, dies ist umso wichtiger zu verdeutlichen, weil dies ganz ohne unsere Verdienste oder gar unsere Leistungen geht. Wir haben einen Gott, der uns mit all dem, was unser Leben ausmacht,  ernst nimmt. Ich denke, dies ist eine Botschaft, die wir, gerade mit Blick auf die Krippe auch nach Weihnachten mitnehmen können.

Ferner finden wir in unserem Bibeltext eine genauso merkwürdige Verbindung vom Sohn- Leben – ewiges Leben. Worum geht es hier? Wie kann man dies heute verstehen? Können wir das überhaupt heute noch behaupten? Wenn wir ewiges Leben als eine unendliche Erweiterung des menschlich-irdischen Lebens mit allen seinen Möglichkeiten auffassen, sind wir hier fehl am Platz. Dann haben wir eine grundfalsche Voraussetzung und werden dem Sinn unseres Textes wahrscheinlich nie näher kommen. Fassen wir aber das ewige Leben anders auf, so haben wir eine ganze Menge Ermutigung in unserem Bibeltext. Ewiges Leben könnte man im Sinne des Briefes so übersetzen: Es ist ein Leben, das mit ständiger Kommunikation mit demSohn Gottes steht, und daraus bekommt es eine spezielle Art von Erfüllung geschenkt. Ewiges Leben ist demnach eine Ahnung der Ewigkeit inmitten unserer Zeit. Es geht um Augenblicke, durch die man anders geworden ist, um Situationen, in denen der Mensch etwas dazu lernt, durch die wir menschenwürdigere Menschen werden.

Der Ausgangspunkt zu dieser Art von Erfüllung ist aber der Glaube an Jesus Christus als  Sohn Gottes. Anders ausgedrückt könnte man es auch so formulieren: um eine Ahnung von der Ewigkeit zu spüren, braucht der Mensch den stabilen Glauben und die Hoffnung, dass in der Person von Jesus von Nazareth Gott – und niemand sonst – uns Menschen näher gekommen ist. Erfüllung zu erfahren und dabei Gottes Gegenwart zu spüren, fängt also mit dem Staunen an, mit dem wir die zentrale Botschaft der Weihnacht aufnehmen: So sehr hat Gott die Welt geliebt.

Doch, gerade diese Einstellung, diese Auffassung von der Ewigkeit Gottes in unserer Zeit, macht uns möglich, uns selber und unsere Situation wirklich einzuschätzen. Gottes einzigartige Liebeserklärung an die Menschen macht uns alle, als Einzelpersonen zu wertvollen Menschen. Ich muss gar nichts leisten, gar nichts besitzen, gar nichts vorweisen- ich darf einfach sein, so wie ich bin. Ich denke, mehr kann der Mensch sich gar nicht erhoffen. Sein wie ich bin, sein wie Du  bist – ist die Botschaft von Weihnachten, die wir jetzt in dieser nachweihnachtlichen Zeit nochmals verstärkend zu hören bekommen.

Gott tut uns aber keinerlei Zwang an. Im Bibeltext lesen wir kein einziges Wort darüber, dass dies so sein muss. Der Apostel berichtet nur über eine eigene Erfahrung und auch dies sehr sparsam. Das Schöne an unserem Gott ist aber gerade diese Eigenschaft von ihm, die wir ja auch in der Weihnachtsgeschichte hören können. Gott bietet uns das Geschenk seiner Gegenwart an, aber er will uns nicht überrumpeln oder gar zwingen. Seine Stimme und sein Angebot an uns ist eine Stimme und ein Angebot unter den vielen… Wir können darauf eingehen, uns auf diese Leben und damit auf die Gemeinschaft mit ihm einlassen, aber wir können es genauso gut auch  sein lassen. Die Entscheidung müssen wir  selbst fällen. Die Möglichkeit wird uns angeboten, aber damit verbunden auch die Last der Entscheidung. So oder so – wir müssen davon Gebrauch machen.

Gott hat uns an Weihnachten beschenkt. Wollen wir dieses Geschenk haben? Ich denke, dies ist die eigentliche Frage, auf die jede einzelne und jeder einzelne von uns einen Antwort zu geben hat: wollen wir Gottes Geschenk wahrnehmen? Wollen wir uns als Beschenkte verstehen oder aber wollen wir einen ganz andern Weg in unserem Leben gehen? Es gibt vieles, was wir in unserem Leben „haben“ möchten. Meistens stellt sich heraus, nachdem wir uns die betroffenen Sachen angeeignet haben: die sind es gar nicht wert…

Ist uns Gottes Weihnachtsgeschenk wert, beibehalten zu werden? Hat seine Gegenwart, die uns das Leben lebenswerter macht, noch einen Wert in unserem Leben?

Fragen über Fragen, liebe Gemeinde und ich wünsche Ihnen und mir, dass wir im Neuen Jahr  wenigstens versuchen können, dass wir uns  nicht im „Haben“  ausleben, sondern im „Sein“-Gottes unsern Platz finden, dass wir uns nicht in und unter den Geschenken  vergraben, sondern das eine Geschenk Gottes, d.h. seine Gegenwart ernst  nehmen und dadurch ein Stück Erfüllung für unser Leben finden.

Denn wer den Sohn hat… lebt … und nicht nur  in einer Scheinexistenz, sondern wahrlich und wirklich. Und diese Verheissung ist es wert, darauf ein Leben aufzubauen.

Amen

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