Am Ende das Wort

/Predigt gehalten in der Stadtkirche am 9. Sonntag nach Trinitatis, 02.08.2026/

[4] Da kam das Wort des Herrn zu mir:

[5] »Bevor ich dich im Mutterleib geformt habe, kannte ich dich. Bevor du von deiner Mutter geboren wurdest, warst du schon heilig für mich. Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«

[6] Ich antwortete: »Ach, mein Gott und Herr, ich kann nicht gut reden! Denn ich bin noch zu jung.«

[7] Doch der Herr erwiderte: »Sag nicht, dass du zu jung bist, sondern geh, wohin ich dich sende! Und verkünde alles, was ich dir auftrage!

[8] Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin mit dir und werde dich retten!« – So lautet der Ausspruch des Herrn.

[9] Dann streckte der Herr seine Hand aus und berührte meinen Mund. Der Herr sagte zu mir: »Ich lege meine Worte in deinen Mund.

[10] Sieh her: Ich gebe dir heute einen Auftrag. Über Völker und Königreiche stelle ich dich. Du sollst ausreißen und einreißen, zerstören und vernichten, aber auch aufbauen und pflanzen.«

/Jeremia 1, 4-10/

Liebe Gemeinde,

was für eine spektakuläre Erzählung von der Berufung des Propheten Jeremia. Er ist berufen von Gott, ermächtigt vom Schöpfer, um seinen Auftrag in der Welt wahrzunehmen. Spektakulärer geht es vielleicht, aber vermutlich nicht gewaltiger. Gott selbst ist am Werk; er sorgt dafür, dass sein Wort gehört wird. Überhaupt wird in dem ganzen Bibeltext von heute das «Wort» ins Zentrum gerückt. So weit, so gut die Berufungsgeschichte des Jeremia. Aber was kann der heutige Mensch davon wahrnehmen?

Die Umstände haben sich geändert. Von einem direkten Eingreifen Gottes in die Geschichte will der moderne Mensch eher nichts wissen. Und dennoch ist die Berufung Jeremias eine Geschichte, die unsere Fantasie anregt. Bleiben wir bei dieser Faszination, so kann man sich lange überlegen, wie das Ganze wohl vonstatten gegangen ist. Wir Menschen wollen uns selbst bestätigen in der Rolle, die wir uns angewöhnt haben: Wir sind diejenigen, die die Welt, die ja „unsere Welt“ ist, vollkommen verstehen, ja sogar leiten wollen. Wenn dieses Weltbild ins Wanken gerät, beginnen die Unsicherheiten.

Nun hören wir aber einen Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia, in dem einiges von dem infrage gestellt wird, woran wir gewohnt sind. Die Frage ist, ob wir bereit sind, uns durch diesen alten Bibeltext provozieren zu lassen. Denn provokativ ist dieser Bibeltext allemal. Was kann man aber daraus für den Alltag des modernen Menschen mitnehmen? Das ist die Frage, die uns heute und in diesem Gottesdienst beschäftigt.

Das Thema des heutigen Sonntags ist im Laufe des Kirchenjahres so festgelegt, dass es dabei um die Frage der Verantwortung des Menschen geht. Lesen wir unseren Bibeltext in diesem Kontext, so sprechen die alten Worte noch einmal anders. Sie sprechen etwas an, das auch für den heutigen Menschen aktuell ist und aktuell bleibt. Um welche Verantwortung geht es denn letztendlich? Ist es die Verantwortung des Gottesmannes, oder geht es darüber hinaus um die Verantwortung des Menschen im Allgemeinen?

Wir haben davon gehört, dass Jeremia von Gott einen Auftrag bekommt, den er nicht gern wahrnehmen will. Genauer gesagt: Er drückt sich vor diesem Auftrag in der Hoffnung, ihn nicht annehmen zu müssen. Er muss jedoch lernen, dass dies keine Option ist. Der Auftraggeber lässt nicht locker. Er verspricht allerdings auch Hilfe bei der Erfüllung des Auftrags.

Der Prophet Jeremia erlebt mit seinem Gott eine tiefe menschliche Erfahrung am Anfang seiner Berufung: Egal, wie sehr ich mich darum bemühe, ich kann mein Leben nicht zu hundert Prozent im Griff haben. Es geht darum, dies zu erkennen. Denn aus dieser Erkenntnis wächst ein Vertrauen, das es mir ermöglicht, mein Leben anders zu leben. Dieses Vertrauen kommt aber nicht automatisch, es braucht die Offenheit dafür, aber auch die Bereitschaft, sich auf jene andere Wirklichkeit Gottes einzulassen. Dass es ausserhalb des planbaren Bereichs des Lebens noch etwas gibt, das man nicht selbst steuern kann, ist für uns moderne Menschen eine Vorstellung, mit der wir uns gar nicht beschäftigen wollen. Uns geht es darum, alles möglichst genau zu durchschauen. Genau das ist aber in Zusammenhang mit Gott nicht möglich.

Nehmen wir die Aussagen unseres Bibeltextes wortwörtlich, so haben wir gar keine Verantwortung mehr und sind für nichts verantwortlich. Alles was wir sagen wird uns ja gegeben. Das heisst, dass wir für gar nichts mehr verantwortlich sind und wir sind fein aus dem Schneider. Bedeutet die Erkenntnis, dass ich nicht über meinen Weg bestimmen kann eine Entschuldigung, dann hat es keinen Sinn, auch nur zu versuchen, moralisch zu leben und zu handeln.

Ich meine, gerade das Lebensbeispiel Jeremias lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die eigene Lebenseinstellung. Wer nämlich davon überzeugt ist, dass er alles im Griff hat, macht unweigerlich Fehler, und zwar einfach aus dem Grund, weil er nie etwas hinterfragt. Solche Menschen kennen wir viele.

Die Erkenntnis, welche Jeremia eindrücklich vorgeführt bekommt, dass man nicht Herr über den eigenen Weg ist, leitet uns jedoch dazu an, diesen Weg aufmerksamer wahrzunehmen und die Wegweiser zu beachten. Zumindest sollte dies der Fall sein. Sicherlich kommen in jedem Leben Irrwege, Sackgassen und Ähnliches vor. Haben wir aber die Zuversicht, dass Gott uns nicht fallen lässt, so können wir mit schwierigen Situationen besser umgehen. Weiss man von Gottes grundsätzlicher Menschenfreundlichkeit, so nimmt dieses Wissen dem Zufall die Macht über unser Leben. Auch das bekommt Jeremia zugesagt.

Genau dieses Wissen  sollte uns dazu anleiten, achtsamer und bewusster durchs Leben zu gehen.

Achtsam und bewusst muss auch der Prophet sein, der den Auftrag Gottes auszuführen hat. Dies ist keine einfache Sache. Auch dann nicht, wenn dem Propheten ausdrücklich gesagt wird, dass er vollständig von Gott angenommen ist, ja, dass seine ganze Existenz von Anbeginn an in der Nähe Gottes angesiedelt ist.

Schön und gut mag man, als heutiger Mensch  sagen, für die Zuhörer von damals mag das auch so funktioniert haben, aber doch nicht heute. Wir können uns bestens ausdrücken; wir brauchen die Worte nicht, die Gott angeblich in den Mund Jeremias gelegt hat. Wir können unser Leben bestens organisieren. Von daher brauchen wir keinerlei Vorschriften, auch keine noch so gut gemeinten Regeln. Und wenn doch? Was dann?

Denn die grundsätzliche Frage bleibt: Wie gehen wir mit solchen Situationen um in denen wir nicht auf bewährte Strategien oder gar gut eingeübte Worte zurückgreifen können? Betrachten wir sie als Zeichen der Schwäche, oder können wir darin auch etwas Gutes sehen?

Jeremia greift zu der ersten Ausrede, die ihm einfällt. Er weist darauf hin, dass ihm die nötige Lebenserfahrung fehlt, um Gottes Auftrag wirksam ausführen zu können. Gott aber lässt diese Ausrede nicht gelten. Vielmehr weist er auf die Kraft hin, die in einer lebendigen Gottesbeziehung liegt und dem Menschen Hilfe, Trost und Sicherheit bieten kann. Jeremia hat einen mächtigen Verbündeten auf seiner Seite, und mit dessen Hilfe kann er den Auftrag erfüllen.

Bezeichnend ist bei unserem Bibeltext, dass in der Ursprache der Bibel der Begriff „Wort“ immer wieder und sehr deutlich hervorgehoben wird. Der Prophet braucht Worte, und Gott hat diese Worte, die er seinen Dienern bereitwillig schenkt.

Ich denke, die Betonung des Wortes und die damit verbundene Verantwortung könnten auch für uns heutige Menschen interessant sein, selbst wenn wir keine Propheten sind. Worte zu haben oder Worte nicht zu haben …

In der Seelsorge erleben wir immer wieder Situationen, in denen Menschen um Worte ringen. Um Worte, die etwas beschreiben, um Worte, die helfen können, etwas zu verarbeiten. Hilde Domin schreibt:

Das eigene Wort, wer holt es zurück, das lebendige eben noch unausgesprochene Wort? … Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort. Am Ende ist das Wort immer das Wort.“
(Hilde Domin, Unaufhaltsam)

Jeremia muss sich das gleich am Anfang seiner Berufung bewusst machen: Worte haben Kraft. Es liegt in unserer Verantwortung, wie wir mit dem umgehen, was Gott uns geschenkt hat.

Am Ende das Wort, immer das Wort. Das gilt aber auch für uns heutige Menschen. Nicht nur Jeremia muss sich der Verantwortung stellen. Auch der moderne Mensch kann diesem Auftrag nicht ausweichen. Vielleicht tut es gut, immer wieder daran erinnert zu werden.

In unserem Predigttext sagt der Prophet Jeremia: Ich bin zu jung, ich kann nicht reden. Und Gott antwortet im Grunde: Na und? Genau diese Ausrede nimmt er ihm aus der Hand – nicht indem er sie widerlegt, sondern indem er sie für unwichtig erklärt.

In der Seelsorge haben wir eine Frage, welche wir nicht oft unseren Mitmenschen stellen. Man nennt sich die Frage der paradoxen Intervention. Es geht darum, dass in Situationen, in denen sich das Gespräch nur im Kreis dreht, diesen Kreis mit der Frage zu durchbrechen: Na und?…

Möglicherweise kennen Sie Sätze, wie: Ich bin zu alt dafür. Ich habe keine Zeit mehr.  Ich habe schon so viel falsch gemacht…

Vielleicht täte es uns gut, eben das Beispiel von Jeremia folgend und die Frage stellen zu lassen: Na und?

Vielleicht ist dieses ‚Na und?’ selbst so ein Wort, wie Jeremia es einst bekommen hat: kein bequemes, aber ein befreiendes. Ein Wort, das uns nicht die Ausrede lässt, sondern den Weg eröffnet.

Amen

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