«Du meine Seele singe»[i]

(Predigt am Singgottesdienst mit Liedern von Paul Gerhardt in der Stadtkirche am 07. Juni 2026)


[i] Gesangbuchlieder aus dem Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (TVZ, 1998):

RG 98; RG 235; RG 367; RG 508; RG 537; RG 548; RG 683 – jeweils ausgewählte Strophen.

1. Teil

Du meine Seele, singe! – verlangt der Liederdichter Paul Gerhardt.
Aber können wir das heute noch? Können wir Gott lobsingen angesichts der vielen Herausforderungen in unserem Leben und in unserer Welt?

Paul Gerhardt war jemand, der Zeit seines Lebens ein unbequemer Zeitgenosse, aber zugleich ein wackerer Gottesmann gewesen ist. Seine Lieder gehören heute zum gemeinsamen protestantischen Kulturgut weltweit. Sein Geheimnis liegt nicht nur in der Sprache und auch nicht nur in den Melodien, sondern ganz besonders in der innigen Frömmigkeit, mit der er über Gott und die persönlichen Konsequenzen seines Gottesglaubens spricht. Er ist fest davon überzeugt, dass das Lob Gottes zum Wesen des Menschen dazugehört. Deshalb hat er das Lied «Du meine Seele, singe» verfassen können.

Wir haben das Lied mit seiner schönen Melodie gesungen – aber wie gehen wir mit seinem Inhalt um? Singen, lobpreisen, Gott loben, als sei es «unser Amt», gehört nicht unbedingt zu den Prioritäten ersten Ranges in unserem Leben. Können wir heute noch behaupten, dass das Wesen des Menschen von einer innigen Beziehung zu seinem Schöpfer bestimmt ist?

Ich denke, die meisten von uns könnten diese Frage nicht ohne Weiteres bejahen. Geradezu idealistisch klingen die Worte des Liedes von einem unbetrübten Herzen – und zwar auf ewig. Nein, so können wir heutigen Menschen das nicht einfach sagen, gerade angesichts der vielen Herausforderungen im Leben eines jeden von uns. Wenn wir uns aber die Themen in den Liedern Gerhardts näher anschauen, merken wir: Er ist uns näher, als wir vielleicht denken. Auch wenn wir heute manches nicht mehr so sagen würden wie er, sind wir doch mit Herz und Gefühl dabei, wenn wir Gott loben – als «sei es unser Amt».

Die Zuversicht, die uns aus dem Lied entgegenkommt, ist dennoch verlockend. Allerdings sehen wir uns weniger als «eine welke Blume», sondern vielmehr als  Bestimmende über unser Leben. Wir sind – zumindest theoretisch – die Baumeister unseres Lebens.

Gehen wir auf die Bilderwelt Gerhardts näher ein, so zeigt sich: Diese Sicht kann auch ermutigend sein. Eine Blume, ausgestattet mit der Schönheit und Güte des Schöpfers, zeugt von der Schönheit der ganzen Schöpfung. Heute meinen wir oft, Alter sei nicht unbedingt schön. Doch ein alter Mensch trägt so vieles in sich: Erinnerungen, Träume, Hoffnungen sowie erfüllte und unerfüllte Pläne. Sie alle hinterlassen ihre Spuren in unserem Leben. Sie prägen uns und machen uns zu dem, was wir sind.

Die «welke Blume» zeugt immer noch davon, dass sie mit der Schönheit des Schöpfers ausgestattet ist. Auch wenn das Leben nicht mehr so unbeschwert erscheint, weist es auf den Schöpfer hin. Zugleich zeugt sie von der Kraft, die uns mit mütterlicher Liebe umgibt und uns durch den Heiligen Geist immer wieder neue Lebenschancen schenkt.

Wir gehören zu Gott, der als König und damit als Garant der Weltordnung für uns einsteht. Dieses Wissen dürfen wir auch heute auf unserem Lebensweg mitnehmen. Unser Leben mag so oder anders verlaufen, wir tragen Spuren vergangener Erlebnisse in unseren Seelen – aber die Aufforderung bleibt aktuell: Gott zu loben dafür, dass er uns vielfältig beschenkt hat und dies immer noch tut.

Ein betrübter Zustand ist vielleicht nur eine Momentaufnahme. Wer jedoch das Ganze des Lebens in den Blick nimmt, kann zuversichtlich in die Zukunft schauen. Genau deshalb kann der Dichter uns zum Lob Gottes aufrufen: zu dem Gott, der uns erhält und uns zur Hilfe kommt. Es mag uns nicht immer danach sein, aber Gott lädt uns ein, seine Liebe und seine Hinwendung zu uns wahrzunehmen.

Wenn das geschieht, wird in der Dunkelheit des Lebens ein Licht entzündet – das Licht der Liebe Gottes, das Angst und Not vertreibt.

Angst, in welcher Form auch immer und existentielle Not sind Erfahrungen, die uns auch heute prägen. Aber Gott bietet uns die Möglichkeit, diesen dunklen Mächten nicht wehrlos ausgeliefert zu sein, denn er ist mit uns. Darum ist die Frage, wie wir ihn empfangen wollen, eine aktuelle Frage – nicht nur im Advent, sondern zu jeder Zeit unseres Lebens.

Gerhardt war fest von Gottes Macht überzeugt. Und deshalb ermutigt sein Text auch uns: Auch für uns gilt, dass Gottes Tat wirksam ist. Der Befreier, der Erlöser, der Gott der Liebe ist auch heute da – man muss es nur wahrnehmen wollen.

«Gott kommt» – das ist eine feste Überzeugung Gerhardts. Sie kann auch uns ermutigen. Er kommt, um uns in die Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist aufzunehmen – in die Gemeinschaft von Schöpfer, Erlöser und Vollender. Während die Mächtigen der Welt kommen und gehen, kommt unser Herr. Und das darf uns mit Freude und Dankbarkeit erfüllen.

Das gilt auch dann, wenn es uns im Moment nicht gut geht oder wir in einer Sackgasse des Lebens stecken. Gottes Gegenwart will unser Leben auch heute erhellen.

2. Teil

Gott wird im Leben eines Menschen immer wieder unterschiedlich wahrgenommen. Man könnte auch sagen, dass jede und jeder von uns ein eigenes Gottesbild hat. Diese Bilder sind vielfältig und meist geprägt von dem, was wir in unserem Leben erfahren haben. Unsere Bilder von Gott sind allerdings nur Annäherungen. Sie sind dadurch bestimmt, was wir ganz persönlich erlebt haben. Sie verändern sich mit dem, was und wie wir erleben. Gott eignet sich nämlich leicht als Projektionsfläche – für alles Gute, aber auch für alles Schwere im Leben.

Gerade weil das so ist, müssen wir vorsichtig sein mit unseren menschlichen Bildern. Sie können immer nur einen Teil von Gottes Wirklichkeit erfassen. Deshalb finde ich es besonders schön, dass der Dichter im Lied, das wir gerade gesungen haben, eine besondere Wendung vollzieht. Er bleibt nicht einfach bei dem bekannten Bild von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist, sondern besingt Gottes Eigenschaften. Er beschreibt, wie Gott sich uns Menschen zeigt.

Wir haben gesungen: Gott ist ein Geist der Liebe. Darin liegt der Gedanke, dass Gott nicht in feste menschliche Schubladen passt. Der Geist der Liebe sprengt die Grenzen unseres Denkens und unserer Sprache. Er überwindet Barrieren und macht Leben möglich.

Gott, der sich als Geist der Liebe zeigt, ist und bleibt ein Gott des Lebens. Dieses Leben ist uns in Jesus Christus exemplarisch vorgelebt worden. Gott ist nicht nur Herr und Vater, sondern auch Freund – ein Freund, der Freundlichkeit in unserem Leben wachsen lassen möchte.

Das klingt vielleicht einfach, fast minimalistisch – und doch ist es entscheidend: Ein Leben, das von ehrlicher, innerer Freundlichkeit geprägt ist, spricht von Gott. Von dem Schöpfer, der uns Menschen eine grosse Freundlichkeit entgegenbringt.

Und doch merken wir: Genau daran scheitern wir oft. Freundlich zu sein – aus dem Herzen heraus – ist nicht selbstverständlich. Gott hat es uns vorgelebt. Darum gilt auch der bekannte Gedanke: «Mach es wie Gott – werde Mensch.»
Das heisst ganz konkret: Werde freundlicher gegenüber deinen Mitmenschen. Das ist vielleicht die wirksamste Antwort auf Hass, Neid, Zorn und Streit – auf all das, was uns das Licht und die Lebensfreude nimmt.

Die von Gerhardt besungene Liebesflamme Gottes wirkt dieser Dunkelheit entgegen. Aber es liegt auch an uns, was wir mit dieser Möglichkeit machen. Unsere Freiheit erlaubt uns, auch anders zu handeln – doch die Konsequenzen tragen wir selbst.

Im Lied nennt der Dichter diese Konsequenzen in eindrücklichen Bildern: zerstörte Tempel, Krieg und Feuer. Ja, auch das gehört zur Realität. Und gerade deshalb ist es wichtig, daran festzuhalten: Gott will uns seine Liebe schenken.

Das Herz des Menschen ist darauf ausgerichtet, Freude zu suchen und zu finden. Gerhardt wusste das. Darum erinnert er uns daran: Wir sind dazu berufen, Freude im Leben zu entdecken.

Die Bilder aus der Natur – besonders das Bild des Bienenstocks – haben auch heute noch Kraft. Sie zeigen: Der Mensch ist zur Gemeinschaft geschaffen. Zur Gemeinschaft mit Gott – und miteinander. Nur so entsteht aus dem Handeln der Einzelnen etwas, das über das Eigene hinausgeht.

Wer das erkennt, kann gelassener damit umgehen, dass im Leben nicht immer alles nach Plan verläuft. Wer so lebt, kann zufrieden werden – im Wissen, dass Gottes Gegenwart mitgeht und dass in ihm «aller Freuden Fülle» liegt.

Ja, es mag sein, dass unsere Welt und auch unser persönliches Leben dunkler werden. Aber das Licht ist da: Gott kennt uns, wir sind ihm nicht egal. Seine Hilfe steht bereit – auch dann, wenn wir sie nicht immer erkennen. Er ist es, der uns führen will.

Wenn wir das annehmen, können wir mit Gerhardt um Gottes «milden Segen» auf unseren Lebenswegen bitten – immer wieder neu.

Amen

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