(Predigt gehalten in den Kirchen Vordemwald/Strengelbach am 06.09.2026)
[1] Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt.
[2] Dort lebte ein Mann, der Zachäus hieß. Er war der oberste Zolleinnehmer und sehr reich.
[3] Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber er konnte es nicht, denn er war klein, und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht.
[4] Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können – denn dort musste er vorbeikommen.
[5] Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm: »Zachäus, steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.«
[6] Sofort stieg Zachäus vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.
[7] Als die Leute das sahen, ärgerten sie sich und sagten zueinander: »Bei einem Sünder ist er eingekehrt!«
[8] Aber Zachäus stand auf und sagte zum Herrn: »Herr, die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben. Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückzahlen.«
[9] Da sagte Jesus zu ihm: »Heute bist du gerettet worden – zusammen mit allen, die in deinem Haus leben. Denn auch du bist ein Nachkomme Abrahams!
[10] Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.«
/Lukas 19, 1-10/
Liebe Gemeinde,
Es gibt manche Geschichten in der Bibel, welche so sehr bekannt sind, dass man gar nicht mehr viel über sie nachdenkt. Man weiss von ihnen.
Der äussere Rahmen unserer Geschichte ist gegeben und bekannt: Jesus wandert in der Gegend von Jericho und kehrt in die Stadt ein. Dort lebt ein gewisser Zachäus. Sein Name bedeutet «der Reine», aber er ist alles andere als rein im moralischen Sinne. Er ist ein Kollaborateur, einer, der Nutzen aus der Zusammenarbeit mit den Eroberern zieht. Ich weiss nicht, was man ihm mehr übel genommen hat: dass er Kollaborateur war oder dass er Nutzen daraus zog und ein Vermögen aufgebaut hat. Auf jeden Fall ist er jemand, der in der Gesellschaft nicht gerne gesehen wird, aber er ist auch jemand, der Jesus sehen möchte. Er möchte Jesus sehen und klettert daher auf einen Baum. Jesus sieht ihn, spricht ihn an, und als Folge tritt er in die Nachfolge Christi. So die allseits bekannten Fakten!
Fragen wir nach den Protagonisten der Geschichte, so ist die Antwort klar: Jesus und Zachäus.
Jesus, der Sohn Gottes, selber Gott in Menschengestalt, ist frei genug, mit einer Reihe von Regeln zu brechen. Er ist bereit, Zachäus zu sehen, ihn wahrzunehmen. Er lässt sich auf ein Gespräch mit ihm ein und schenkt ihm die Freiheit, anders leben zu dürfen. Bilden wir uns nichts ein! Jesus ist nicht naiv. Er weiss ganz genau um die Situation eines Zöllners in der damaligen Welt. Er weiss aber auch, dass der Mensch keinen tieferen Wunsch und keine stärkere Sehnsucht hat als die: als Mensch anerkannt zu werden, wahrgenommen zu werden. Denken wir nur an eine Situation, in der wir das Gefühl haben, man hat uns nicht gesehen. Im Sinne von: Unsere Einwände, unser Beitrag wurden nicht wahrgenommen. Sie wurden eventuell absichtlich beiseite gelegt, übergangen. Genau das ist es, was mehr weh tut, als es uns lieb wäre. Wie gut es dann wiederum tut, wenn auch nur ein Mensch sieht, was unser Anliegen ist, was uns wichtig ist, was uns bewegt. Es fühlt sich an wie ein Geschenk. Oder denken sie daran wie viel Energie und Zeit wir dafür aufwenden als jemand Eigenständiges gesehen zu werden. Wir möchte gesehen werden mit all dem, was uns ausmacht, mit unserer eigenen, unverwechselbaren Lebensgeschichte. Wir möchten nicht auf eine Kategorie, Schublade, oder Stand reduziert werden, sondern erwarten, dass man uns sieht. Und genau dies schenkt Jesus dem Zachäus. Er ist frei genug, dies in aller Öffentlichkeit zu tun, wohl wissend, was dies für den Beschenkten bedeutet. Er muss dafür aber bewusst Grenzen überschreiten. Weiss er denn nicht, was er tut?- mögen sich die Menschen damals gefragt haben.
Jesus weiss, wie wichtig es im Leben ist, Grenzen zu haben. Ebenso weiss er auch, dass es Situationen geben kann, in denen man bewusst gegen Regeln handeln soll, zum Wohle der Menschen und im Interesse der Menschen. Genau dies tut er nämlich in unserer Geschichte. Er sieht einen Menschen, und zwar nicht nur das Offensichtliche, sondern auch, was diesen Menschen ausmacht. Er sieht, wer Zachäus ist. Mehr noch: Er nimmt auch seine Sehnsüchte wahr. Der Menschensohn sieht den Menschen Zachäus und handelt. Er schaut nicht auf den Zöllner, auf den allseits Verachteten. Er schaut darüber hinweg, in welche Kategorie die Menschen Zachäus stecken. Der Menschensohn verletzt die bekannten Regeln, damit der Mensch Zachäus weiss, dass er gesehen und so wahrgenommen wird, wie er ist. Er bekommt Raum zum Atmen geschenkt.
Jesus weiss, wie beklemmend Regeln sein können. Er behält sich die Freiheit, sie zu überschreiten. Nicht alle verstehen das. Es gibt Menschen, denen Gebote und Regeln alles bedeuten, weil sie das Gefühl haben, ohne sie würde die Welt – ihre eigene kleine Welt – zugrunde gehen. Genau das erleben wir in der Erzählung des Lukas: Die Menschenmenge sieht, dass Jesus ein hohes religiöses Gebot verletzt, das Reinheitsgebot, indem er bei einem Sünder einkehrt, und wird unruhig. Im Urtext der Bibel heisst es, dass die Menge angefangen hat zu murren. Es geht dabei nicht nur um dieses eine Gebot. Für die Menge steht die ganze Ordnung auf dem Spiel, an der sie sich festhält: Wenn diese Regel fällt, ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis auch andere wichtige Regeln folgen – und mit ihnen die Sicherheit, die sie geben. Diese Angst, dass mit einer einzelnen Regel gleich das ganze Gefüge ins Wanken gerät, dürfte uns mehr als bekannt sein, wie auch die Reaktion darauf: murren, sich abgrenzen, den Störenfried in eine Schublade stecken.
Zugegeben: Die Regeln, die unser alltägliches Leben bestimmen und an die wir uns klammern, sind heute vermutlich keine religiösen Regeln mehr. Ich bin mir aber sicher, dass es im Leben eines jeden von uns Regeln gibt, die unser Leben zusammenhalten und ihm einen Halt geben. Vielleicht würde es auch ohne sie gehen, aber wir haben sie nun einmal. Wird eine davon missachtet, bekommen wir es mit Angst zu tun – und Angst ist ein schlechter Ratgeber in allen Lebenslagen. Es ist bequem, dann lieber nicht so genau hinzusehen. Nur besser wird die Welt davon nicht. Wenn man um die eigenen Werte fürchten muss, scheint plötzlich jedes Mittel recht, um sie zu verteidigen. Und da, wo Angst dominiert, sei sie noch so irrational, ist die Sache Gottes immer in Gefahr.
Für mich ist es aber wesentlich interessanter, was mit Zachäus passiert. Jesus redet ihn direkt an. Er, der den Wunderrabbi von Nazareth nur vom Hörensagen kennt, wird plötzlich persönlich betroffen. Ich denke, in dem Moment, in dem Jesus ihn anredet, passiert etwas Entscheidendes im Leben von Zachäus. Möglicherweise wird er zum ersten Mal als derjenige gesehen, der voller Möglichkeiten ist, als vollwertiger Mensch, der wie jeder andere Mensch Teil einer Gesellschaft sein kann. Diese einfache Tatsache befreit Zachäus. Er wird von den Fesseln der Regeln befreit, wird frei. Wo der Mensch persönlich betroffen wird, da passiert auf jeden Fall etwas.
Auch das ist etwas, das uns heutige Menschen betreffen könnte. Denn was geht hier eigentlich vor? Zachäus begegnet Jesus. Er wird von ihm als derjenige angesehen, der er wirklich ist. Er wird als ebenbürtiger Mensch angesprochen. Für einen Menschen, der seit längerer Zeit immer nur ein negatives Bild von sich hat, der in der Gesellschaft zwar gefürchtet, aber verachtet wird, verändert sich etwas. In einer Welt, in der wir als Menschen oft nur auf das Funktionale reduziert wahrgenommen werden, ist es wichtig, Gottes ganz eigene Wahrnehmung von uns zumindest zur Kenntnis zu nehmen.
Auch bei uns muss man nicht lange suchen, um Situationen zu finden, in denen wir, von Angst dominiert, bereit sind, etwas zu bekämpfen: Was uns unbekannt ist, ist uns schnell verdächtig und wird als Bedrohung erlebt – manchmal zu Recht, oft aber auch nicht. Die Geschichte von Jesus und Zachäus zeigt, welche Perspektiven gerade in einer solchen, zunächst beunruhigenden Situation stecken können.
Zugegeben, der moderne Mensch hat meistens anders gelagerte Ängste als der Mensch der Antike – öfter geht es um den Verlust von Vorteilen als um religiöse Reinheit. Aber die Angst, dass unsere Lebenswelt bedroht ist, ist auch heute noch real, vielleicht realer und konkreter als je zuvor. Genau darum wirkt das Handeln des Menschensohnes in einer geordneten Welt bis heute als störender Faktor: «Es ist gut, dass ich gesehen werde – aber die anderen sollten es bitte lassen.» Die Freiheit des Menschensohnes war zu seiner Zeit störend. Das ist sie bis heute geblieben.
Das eigentliche Wunder in der Geschichte ist aber dies: Das Wissen, dass Jesus ihn so annimmt, ihn so sieht, wie er ist, löst die Gebundenheit im Leben von Zachäus. Er wird gesehen, bekommt eine neue Freiheit. Gottes schönstes und wichtigstes Geschenk an den Menschen ist gerade diese Freiheit, in der wir so sein können, wie wir sind, in der wir gesehen werden wie wir sind und zwar als ganzen Menschen. Jesus Christus steht für diese Freiheit des Menschen. Deshalb lesen wir am Ende der biblischen Geschichte die Worte: «Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist.»
Amen.

