/Predigt gehalten in der Stadtkirche am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.202/
[1] In dieser Zeit wuchs die Zahl der Jünger stetig. Doch bald wurden in der Gemeinde Klagen laut. Sie kamen von den Griechisch sprechenden Mitgliedern, die aus anderen Ländern zugezogen waren. Die warfen den Hebräisch sprechenden Einheimischen vor, ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen.
[2] Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und sagten: »So geht das nicht! Wir können doch nicht die Verkündigung von Gottes Wort vernachlässigen – und uns stattdessen selbst um die Essensausgabe an den Tischen kümmern.
[3] Brüder und Schwestern, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen.
[4] Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet und der Verkündigung widmen.«
[5] Der Vorschlag fand die Zustimmung der ganzen Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Hinzu kamen Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, ein Grieche aus Antiochia, der zum jüdischen Glauben übergetreten war.
[6] Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.
[7] Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an Jesus an.
/Apostelgeschichte 6,1-7/
Liebe Gemeinde,
Was für eine Konfliktlösung! Manch ein Coach oder Mediator könnte etwas daraus lernen! Was für eine Momentaufnahme von den Anfängen der christlichen Kirche! Es beginnt mit einem Konflikt. Sobald eine Gemeinschaft gross genug wird, entstehen Spannungen. Aus dieser Sicht ist es eigentlich gar nicht so wichtig, ob der Konflikt entlang von Sprachgrenzen oder unterschiedlicher Frömmigkeitstraditionen entstanden ist. Wichtig ist vielmehr, dass hier ein Konflikt und dessen Lösung innerhalb der christlichen Gemeinde beschrieben werden. Wenn wir heute über Kirche nachdenken, lohnt es sich, einen Blick auf diese alte Geschichte zu werfen und zu fragen, was wir daraus für unseren Alltag mitnehmen können.
Zunächst ist bemerkenswert, dass der Konflikt mit dem Wachstum der Gemeinde zusammenhängt. Nun könnten wir sagen: Das betrifft uns kaum, denn unsere Gemeinden wachsen nicht, sondern werden vielerorts kleiner, älter und ärmer. Dennoch finde ich in diesem Text etwas, das uns auch heute zum Nachdenken anregen kann. Es geht darum, wie wir als Menschen mit Verschiedenheit umgehen, mit unterschiedlichen Meinungen, unterschiedlichen Lebensgeschichten und unterschiedlichen Formen des Glaubens.
Theoretisch gilt unsere moderne Welt als weltoffen, tolerant und geduldig. Zumindest beschreibt sich die westliche Kultur gerne so. Aber auch die erste christliche Gemeinde verstand sich als Gemeinschaft der Liebe und Annahme. Trotzdem kam es zu Spannungen. Darum lohnt es sich, jenseits aller Schlagworte darüber nachzudenken, wie wir mit unterschiedlichen Sichtweisen umgehen.
Die Gemeinschaft der ersten Christinnen und Christen war keine homogene Gemeinschaft. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung fanden darin ihren Platz. Gemeinsam war ihnen, dass sie ihre Zukunft in dieser Gemeinschaft sahen. Wir haben von zwei Gruppen gehört, die miteinander im Streit lagen. Ist das schlimm? Ich denke, die Haltung der Apostel zeigt deutlich: Unterschiede sind nicht das Problem. Zum Problem werden sie dort, wo sie die Gemeinschaft gefährden.
Genau deshalb wird im Predigttext gehandelt. Die Apostel nehmen den Konflikt ernst und suchen nach einer Lösung, die dem Ganzen dient.
Das ist etwas, das wir vielleicht in unseren Alltag mitnehmen können. Oft wird gehandelt nach dem Motto: «Jetzt muss endlich etwas geschehen!» Doch die Verantwortlichen der ersten Gemeinde reagieren nicht vorschnell. Sie überlegen, welche Lösung tragfähig sein könnte.
Dabei greifen sie auf ein bewährtes Modell zurück. Die Zahl von sieben Männern ist nicht zufällig gewählt. In der Welt der Bibel war dies eine anerkannte Form, Verantwortung zu teilen und Entscheidungen auf mehrere Schultern zu verteilen. Man könnte sogar ganz nüchtern sagen: Die Zahl ist gross genug, damit unterschiedliche Erfahrungen eingebracht werden können, und klein genug, damit die Arbeit effizient bleibt.
Mich beeindruckt, dass die Gemeinde das Rad nicht neu erfindet. Sie sucht nach einer Lösung, die auf einem bewährten Fundament steht. Gerade in einer Zeit, in der oft schnelle Antworten gefragt sind, individuelle und originelle Lösungen gefordert werden, lohnt es sich diesen Gedanken zumindest ernst zu nehmen. Will man lebensfähig bleiben als Gemeinde, so geht es nicht um die blosse Wiederholung von Traditionen, sondern darum, Bewährtes so weiterzuführen, dass es den Menschen dient.
Man kann die erste christliche Gemeinde als einen Ort ansehen, an dem nicht einfach die Demokratie gelebt wurde. Es wurde nicht sofort nach pragmatischen Lösungen gesucht. Die erste Gemeinde fragte sich nicht, was gerade mehrheitsfähig ist, sondern die Frage war: was entspricht unserem Auftrag? Was entspricht dem Wort Gottes in dieser konkreten Situation? Deshalb geht es hier nicht nur um eine organisatorische Frage. Die Menschen, die gewählt werden, sollen einen guten Ruf haben, von Gottes Geist erfüllt sein und Weisheit besitzen. Die Lösung des Konflikts wird mit einer lebendigen Gottesbeziehung verbunden.
Theokratie bedeutet im biblischen Sinn nicht die Herrschaft von Menschen über andere Menschen. Sie bedeutet, dass Gott die höchste Instanz bleibt und dass sein Wort dem Menschen hilft, menschenwürdig zu leben.
Ich denke, darum geht es hier. Vor Kurzem wurde in den Zeitungen unseres Landes eine Untersuchung darüber veröffentlicht, wie integrativ unser Schulsystem ist. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Langsam beginnen wir zu verstehen, dass ein Programm allein noch keine Integration schafft.
Darum lohnt sich ein Blick auf das Modell unseres Bibeltextes. Auch dort geht es um Menschen, die nicht selbstverständlich zum Zentrum der Gesellschaft gehörten. Die Witwen waren eine besonders verletzliche Gruppe. Ohne die Unterstützung ihrer Männer waren viele von ihnen wirtschaftlich und sozial gefährdet. Als Frauen standen sie oft am Rand der Gesellschaft und hatten kaum Möglichkeiten, ihr Leben selbstständig zu gestalten.
Gerade ihnen gilt die Aufmerksamkeit der Gemeinde. Sie in die Gemeinschaft einzubeziehen war nicht bloss ein theoretischer Wert, sondern eine Bewährungsprobe für die ganze Gemeinde. Können wir trotz unserer Unterschiede so miteinander leben, dass Menschen nicht übersehen werden? Können wir darauf achten, dass niemand ausgeschlossen wird und dass wir unseren Auftrag nicht aus den Augen verlieren?
Das ist vielleicht die eigentliche Frage dieses Textes. Das ist für mich die Frage, die aktuell ist und aktuell bleibt.
Denn auch wenn sich die Zeiten verändert haben, bleibt sie aktuell: Haben Menschen Platz in unserem Leben, deren Situation wir nicht sofort verstehen, oder nachvollziehen können? Haben Menschen Platz, die sich am Rand fühlen oder die Gefahr laufen, übersehen zu werden?
Die Witwen können für viele Menschen unserer Zeit stehen: Für Menschen, denen plötzlich der Boden unter den Füssen weggezogen wird, für Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, für Menschen, die nach einer Gemeinschaft suchen, in der sie willkommen sind.
Unser Bibeltext zeigt uns das Bild einer Gemeinde, in der hinter allen Strukturen und Aufgaben konkrete Menschen mit ihrer eigenen Lebensgeschichte stehen. Wir haben ihre Namen gehört. Menschen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen und für andere da zu sein. Ein schönes Bild von Gemeinschaft.
Doch diese Gemeinschaft orientiert sich letztlich am Wort Gottes, das in dieser konkreten Situation Gestalt gewinnen soll. Darum endet die Geschichte nicht mit dem Konflikt, sondern mit dem Wachstum der Gemeinde und der Ausbreitung des Wortes Gottes.
Nehmen wir dies mit auf unseren Lebensweg: Trotz aller Unterschiede sind wir berufen, Gemeinschaft zu leben, in deren Mitte das lebendige Wort Gottes steht. Ja mehr, in der Mitte steht der königliche Mensch, der Jesus Christus, der uns als wahrer Mensch ein Lebensbeispiel gegeben hat. Er stand ein gerade für Menschen die keine Hoffnung hatten, die an des Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind und gab ihnen Raum und Luft zum Atmen. Diesem Lebensbeispiel zu folgen ist der Auftrag der Gemeinde. Das war für die erste christliche Gemeinde nicht einfach und ist es auch für uns nicht. Aber genau darin liegt auch heute unsere Chance.
Amen.

