Visionen, Träume und der Geist Gottes

/Predigt gehalten am Pfingsten in der Kirche Strengelbach am 24, Mai 2026/

[14] Da trat Petrus vor die Menge, zusammen mit den anderen elf Aposteln. Mit lauter Stimme wandte er sich an die Leute: »Ihr Leute von Judäa, Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht,und hört mir gut zu!

[15] Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages.

[16] Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt:

[17] ›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgiessen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen  Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben.

[18] Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgiessen. Und sie werden als Propheten reden.

[19] Ich werde Wunder tun droben am Himmel und Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken.

[20] Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird blutrot werden. Dies alles geschieht, bevor der grosse und prächtige Tag des Herrn anbricht.

[21] Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹

(Apostelgeschichte 2, 14-21)

Liebe Gemeinde,

Was für ein Bild! Was für eine Vorstellung! Spektakulärer geht es kaum. Die verfinsterte Sonne, Rauch und Feuer und Blut… alle Zutaten eines ordentlichen Katastrophenszenarios sind vorhanden. Es fehlt nur der Superheld, der durch die dichten Rauchwolken dringt, um die Welt und Menschheit zu retten. Man könnte anhand dieser Bibelverse ein Drehbuch für eine Katastrophenszene entwerfen. Die Worte des Propheten Joel rütteln wach und geben einem zu denken. Doch wenn wir bei diesem Katastrophenszenario verweilen und nur darauf schauen, so kommt die Botschaft der Predigt von Petrus gar nicht an. Wir haben es in der Schriftlesung gehört, wie das Pfingstwunder beschrieben wurde, und unser Predigttext ist nur ein Teil dieser ganzen Geschichte. Doch was können wir damit anfangen, wenn wir als heutige Menschen versuchen, den Sinn des Ganzen für uns zu erschliessen?

Es ist eigentlich eine merkwürdige Sache, dass man jedes grössere Fest des Lebens gebührend feiert, doch über den Geburtstag der christlichen Kirche hört man wenig. Es mag vielleicht damit zusammenhängen, dass Pfingsten mit fast keinem Volksbrauch verbunden ist. Auch das dramatische Element, das man in anderen christlichen Festen wie Weihnachten und Ostern findet, fehlt hier nahezu vollständig. Auch wenn in unserem Bibeltext diese dramatischen Elemente erwähnt werden, bleiben sie ein Hinweis am Rande des eigentlichen Geschehens. Was an Pfingsten geschehen ist, ist ferne Vergangenheit. Viele Christen fragen sich, was man heute mit der Botschaft von Pfingsten anfangen kann. Ich muss zugeben, es ist nicht leicht. Vergegenwärtigt man sich aber das Wort des grossen Schweizer Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, der geschrieben hat, dass der Heilige Geist nichts anderes sei als der intimste Freund des gesunden Menschenverstandes, so kommen wir gleich ein Stück weiter. Das, was an Pfingsten geschehen ist, hat also doch etwas mit uns zu tun, und zwar nicht nur mit unseren Emotionen und Gefühlen, sondern mit uns als ganzen Menschen, mit Vernunft und Gefühl, mit Leib und Seele. So betrachtet stellt uns unser heutiger Predigttext eine ganze Menge von Fragen, anhand deren man der Frage näherkommen kann, was denn Pfingsten und der Heilige Geist mit uns zu tun haben.

Was heisst es für Petrus, den Geist Gottes zu empfangen? Wenn wir genau hingehört haben, so wird in unserem Predigttext der Empfang des Geistes Gottes als eine Gabe dargestellt, welche Folgen im Leben des Menschen hat. Diese Folgen sind in unserem Predigttext so beschrieben, dass Menschen zu Träumen und Visionen befähigt werden. Ist es das, was wesentlich ist? Ist das wirklich notwendig? Nun, laut unserem Bibeltext schon. Die Frage ist, ob dies für uns auch hilfreich ist. Ich denke, wenn wir die Frage so stellen, so stellt sich automatisch die Frage, welchen Stellenwert Träume und Visionen im Leben von uns Menschen heute haben. In der Antike war es klar: Träume und Visionen gehörten nämlich zu dem Medium, durch das das Göttliche mit der Welt kommuniziert hat. Es gibt unzählige Berichte, wie der Wille Gottes durch Träume kundgemacht wurde. Auch später und im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer wieder Menschen, die im Traum eine Offenbarung erhielten, und sie folgten dem Ruf. So entstanden ganze Bewegungen oder gar kirchliche Gemeinschaften. Die moderne Welt hat so einiges verändert, aber auch heute spielen Visionen – wenn auch in einem anderen Zusammenhang – eine Rolle. Besuchen wir eine moderne Website eines Unternehmens, so finden wir garantiert irgendwo in irgendeiner Form die Vision jenes Unternehmens, manchmal mit einem anderen Übertitel, aber Visionen gehören zum Entwicklungspotenzial eines Unternehmens. Visionen stellen dar, was ein Unternehmen von der Zukunft hält, was ihm wichtig und wertvoll ist. Visionen also, frei von jedem Göttlichen, bedeuten auch heute noch die Fähigkeit, nicht nur an das Heute zu denken, sondern weiterzusehen und sich weiterzuentwickeln. Wie kann dies aber in irgendeiner Art mit dem Geist Gottes zusammenhängen?

Der Geist Gottes ist ein Geist der Freiheit, steht an einer anderen Stelle in der Bibel. Ein Geist der Freiheit, der es dem Menschen ermöglicht, selber frei zu denken und frei zu handeln. Betrachten wir die Bilderwelt der eben gehörten Bibelverse, so kommen uns diese Bilder bekannt vor. Den Hörerinnen und Hörern ist es auch nicht anders ergangen. Auch ihnen kamen diese Worte und Bilder bekannt vor, ganz besonders im Zusammenhang mit dem Fest Sukkot, das damals in Jerusalem gefeiert wurde. Am Fest Sukkot erinnerten sich die frommen Juden daran, dass Gott sie aus Ägypten herausgeführt hatte und ihnen die Gebote am Berg Sinai gab. Man könnte vielleicht so deuten, dass an einem Fest, das sich auf das Erinnern konzentrierte, der Geist Gottes die Perspektive der Zukunft aufzeigt. Denn wer Visionen und Träume hat, hat eine Hoffnung für die Zukunft. Es mag sein, dass Träume und Visionen ohne Gott zu Albträumen werden, aber in unserem Fall geht es darum, die Anwesenheit Gottes im Leben wahrzunehmen. Der Geist Gottes befähigt die Menschen, daran zu glauben, dass es mit Gott eine Zukunft geben kann und geben wird – eine Zukunft in Freiheit. Die Erinnerung an die Befreiung Gottes, der sein Volk durch Rauch- und Feuerwolken leitete, soll darauf hinweisen, dass Gott kein Gott ist, der seine Menschen allein lässt.

Die eindrückliche Predigt von Petrus, von der wir einen Ausschnitt als Predigttext gehört haben, weist darauf hin, dass Gott als ein Gott der Freiheit seinen Geist dem Menschen schenken möchte. Ist es aber notwendig, dass es Träume und Visionen geben soll? Ich denke, wenn wir darauf schauen, wofür Träume und Visionen in der biblischen Überlieferung stehen, so ist dies sicherlich ein guter Hinweis. Wer träumt, ist frei von dem, was einen im Alltag bindet. Wer träumt, ist frei und offen für das, was kommen mag. Im Traum ist alles möglich. Im Traum ist der Mensch frei von den eigenen, selbst auferlegten Voraussetzungen und Vorurteilen. Genau darum geht es auch an Pfingsten: Der Geist Gottes schenkt dem Menschen die Möglichkeit, wirklich frei zu sein – so zu sein, wie er als Geschöpf Gottes gemeint ist. Ich denke, wenn wir dies realisieren, so kommt uns dieses Schreckensszenario mit dem darin enthaltenen Hinweis auf das Handeln Gottes nicht mehr so erschreckend vor. Wer vom Handeln Gottes in der Geschichte weiss, wagt es nämlich, von einer Welt zu träumen, in der alles anders sein könnte. Mehr noch: Er wagt es, dafür zu arbeiten, dass dies Wirklichkeit wird. Junge Menschen werden Visionen haben und ältere Träume. Für mich ist dieses Bild und diese Aussage wichtig. Während ältere Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen Träume träumen, wohl wissend, dass es auch anders sein könnte als im Traum, entwerfen jüngere Menschen ungeniert eine Vision der Zukunft. Das ist gut so. Falsch wird es erst dann, wenn diese beiden gegeneinander ausgespielt werden. Der Geist Gottes als Zeichen der Anwesenheit und des Wirkens Gottes in der Geschichte steht gerade dafür, dass das nicht so sein soll. Der intimste Freund des gesunden Menschenverstandes macht deutlich, dass es darum geht zu sehen: Gottes Geist und sein Wirken sind in jeder Generation präsent. Es mag sein, dass dies in jeder Generation anders wirkt, dass es hier Träume und dort Visionen gibt, aber es ist der eine Geist Gottes, der am Werk ist, auch dann,  wenn man dies auf unterschiedliche Art und Weise wahrnimmt.

In unserem Predigttext finden wir allerdings noch einen für mich wichtigen Hinweis: Wer Gott zu Hilfe ruft, wird gerettet werden. Der Geist Gottes befähigt den Menschen dazu, trotz der momentanen Situation das eigene Leben in einem grösseren Zusammenhang eingebettet zu sehen, im Zusammenhang von Gottes Plan mit seiner Schöpfung. Rettung bedeutet nicht, dass man den Lebensweg nicht gehen muss, mit allem, was dieses Leben bedeutet. Rettung bedeutet, dass der gute Geist Gottes dem Menschen hilft, wahrzunehmen, wie Gott im Leben der Einzelnen wirkt. Der freie Geist Gottes ermöglicht Träume und Visionen, immer im Bewusstsein, dass es erst dieser Geist ist, der uns Menschen frei macht, ihn zu Hilfe zu rufen.

Amen

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