Den Namen weitergeben

/Predigt gehalten in der Stadtkirche am 31.Mai 2026- Sonntag Trinitatis/

[22] Der Herr sprach zu Mose:

[23] »Sag Aaron und seinen Nachkommen, dass sie die Israeliten mit diesen Worten segnen sollen:

[24] ›Der Herr segne dich und beschütze dich.

[25] Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.

[26] Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden!‹

[27] So sollen sie meinen Namen unter den Israeliten weitergeben.

Und ich – ich werde sie segnen!«

/4 Mose 6, 22-27/

Liebe Gemeinde,

Es gibt Worte und Gesten im Leben eines jeden von uns, die uns ein Leben lang begleiten. Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen.  Diese Worte aus der Bibel gehören für mich persönlich dazu. Ich habe sie unzählige Male gehört, wie mein Vater dies vom Kanzel aus rezitierte. Später gaben mir gerade in den ersten Amtsjahren diese Worte eine gewisse Geborgenheit und Sicherheit. Sie rufen in mir auch heute noch Erinnerungen auf, die so kostbar sind, dass ich sie am liebsten mit niemanden teilen möchte. Es ist mir allerdings bewusst, dass die alte, archaische Kraft der Wörter, welche uns aus den Bibelversen entgegenkommt, für viele Menschen eine Herausforderung bedeutet.

Zugleich muss ich an die Tradition der christlichen Kirchen und an die Darstellungen auf diverse Altarbilden aus dem Mittelalter denken, in denen Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist zusammen dargestellt werden als eine segnende Person. Seltsame Bilder, die aber offensichtlich eine grosse Kraft innehaben!

Doch, was soll denn dies bedeuten? Ich lade Sie im heutigen Gottesdienst dazu ein, sich Gedanken darüber zu machen, was diese Worte aus dem Alten Testament  bedeuten. Was bedeutet es, dass wir den Namen Gottes so und nicht anders weitergeben sollen?

Ich denke manchmal, dass in uns modernen Menschen immer noch ein Rest jener alten Menschen überlebt hat, die den Worten des lebendigen Gottes mit einer tiefen Ehrfurcht oder wohl besser, mit einer gewissen Furcht gelauscht hat. Ist es gut, oder eher schlecht? Wenn daraus eine Form von Angst herauswächst, ist sie sicherlich zumindest gefährlich. Ehrfurcht und Furcht darf m.E. nicht miteinander verwechselt werden. Denn mächtig kommen diese Worte auch heute noch daher. Wenn man sie ausspricht, ist es so, als ob in ihnen eine besondere Kraft innewohne. Kraft von einem lebendigen Gott, der sich nicht in feste Schubladen und Schemen pressen lässt, der so unendlich viel anders ist als wir Menschen, dass wir gar nicht dazu kommen, ihn in unsere Kategorien zu schliessen.

Unendlich anders ist Gott in seiner Majestät, in seiner Herrlichkeit, in seiner Gottheit. Und trotzdem: Er hat den aaronitischen Priestern einen klaren Auftrag erteilt: SO sollt ihr das Volk segnen.

Seitdem sind viele Jahrhunderte vergangen. Der Mensch mag vielleicht sehr viel weiter sein als die alten Israeliten. Wir meinen mit mancherlei anderen Worten segnen zu können und zu dürfen. Das tun wir auch fleissig.

Doch, vergessen sollten wir dabei etwas nicht, was wesentlich ist. Die Priester, die hier im Auftrag Gottes diese Worte auszusprechen haben, handeln nicht im eigenen Sinne. Sie sind nicht die Initianten. Nicht sie segnen. Sie sprechen nur die Segensworte aus im Wissen, dass Gott der lebendige Schöpfer der Welt allein seine Schöpfung segnen kann. Die Priester sind sich einer Tatsache ganz bewusst: Sie sind keine Voraussetzungen. Der Segen liegt nicht an ihnen.  Wenn schon, dann sind sie Danach-Setzungen. Menschen, die ganz genau wissen, dass sie nicht den absoluten Anfang oder das Ende des Lebens wissen können, geschweige denn, darüber zu verfügen. Die alten israelitischen Priestern wussten: Gottes Auftrag bleibt Gottes Sache und es ist nicht die ihre. Ihre Aufgabe beschränkt sich in gewisser Weise darin, die Rahmenbedingungen herzustellen, unter denen der Auftrag Gottes gehört werden kann. Denn letztendlich geht es darum: um einen gehörten Auftrag, um eine gehörte Verheissung und darum, was  dies im Leben der einzelnen Menschen bewirken kann. Das Wort, welches hier gesprochen wird, hat Kraft. Man muss  nur zulassen, dass sich diese Kraft entfalten kann.

Der HERR segne dich und behüte dich- lesen wir und hören wir in der ersten Zeile des aaronitischen Segens. Segnen und behüten oder vielleicht anders gesagt: Segnen und dich halten kann nur jemand, der selber stabil genug ist, um  anderen Sicherheit bieten zu können. Und genau darum geht es hier: Wir haben einen Schöpfer, der Sicherheit und Stabilität verspricht und diese auch garantiert in einer Welt, in der vieles sehr instabil, sehr unsicher geworden ist. In einer Welt, in der sich der Zufall zu einer Art übermächtigen Schatten stilisiert und Willkür der Mächtigen die Welt zu regieren scheint, spricht uns die Bibel darauf an, dass diese Welt einen Schöpfer hat. Er lässt seine Schöpfung gewähren. Er hat sie aber nie aus der Hand gegeben. Die momentanen Sicherheiten in unserem Leben entpuppen sich oft als ungenügend oder gar als fehlerhaft. Diese Jahr gedenken wir Paul Gerhard, der vor 350 Jahre gestorben ist. Seine Lieder werden aber immer noch in den Gottesdiensten gesungen und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum. Sein Geheimnis war, wenn man das so sagen darf, dass es ihm trotz sehr widrigen Umstände in seinem Leben immer bewusst war: Gottes Schöpfergüte lässt ihn, seine Kreatur nicht im Stich. Die erste Aussage unseres Bibeltextes sagt genau dies, Gott ist beständig. Man kann sich darauf verlassen. Es ist allerdings so, dass dieser Schöpfergott seinen Geschöpfen Freiheit gibt. Es ist die Freiheit, unser Leben nach seinen Regeln oder eben anders zu gestalten und der Mensch, letztendlich wir alle, machen reichlich Gebrauch davon. Gottes Segen über das Leben des Menschen bedeutet nicht, dass mir irgendetwas aufgezwungen wird. Sein Segen steht dafür, dass ich mit meiner Persönlichkeit, mit meinen Entscheidungen, aber auch mit den möglichen Sackgassen im Leben zum Schöpfer gehöre, der seine Schöpfung nie fallen lässt. Kurt Marti hat es in einem seiner Gedichte so formuliert: «Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.» Gottes Schöpfergüte garantiert, dass dies nicht so ist. Sein Segen steht dafür, dass die Welt nicht sich selbst überlassen ist, dass die Herren der Welt nicht das letzte Wort im Leben haben.

Und nein, – vergessen sind wir nicht, auch nicht der Kleinste von uns, auch diejenigen nicht, die in  Sackgassen ihres Lebenszweifels stecken. Auch sie sind nicht vergessen. Der Schöpfer der Welt steht ein für uns alle.

Und genau darum geht es in der zweiten Zeile des Segens: Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Kurt Marti hat es in seinem Gedicht so formuliert: «Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns nun alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.» Der Herr der Welt hat sich für uns verwundbar gemacht, damit wir nachvollziehen können, was diese Worte bedeuten. Sein Angesicht leuchtet uns entgegen in der Person und im Werk von Jesus von Nazareth. Der Schöpfer der Welt wird Mensch, damit wir Menschen merken, dass er es ernst mit uns meint. Die Herren der Welt, die jeweiligen Herrenmenschen, egal welcher Couleur, haben dies nicht gerne. Der Herr der Welt ist uns nahegekommen, um uns aufstehen zu lassen aus dem Staub des Selbstmitleides, aus der Asche der verkohlten und vertanen Lebensentwürfe, aus dem billigen Glitzern eines vermeintlich gelungenen Lebens. Der Herr der Welt hat in der Person seines Sohnes klar gemacht, was der Mensch ist. Zugleich hat er auch überdeutlich dargestellt, was die Liebe Gottes bedeutet.

Sein Angesicht leuchtet über uns, heisst es in unserem Bibelvers. Gottes leuchtendes Angesicht steht für die Lebensmöglichkeiten, die er uns bereitwillig schenkt,  unseren möglichen Fehlentscheidungen und Sackgassen zum Trotz. Gott ist der Befreier. Als solcher ist er ein ewiger Störenfried für diejenigen, die nur eins wollen, nämlich, dass alles so weitergeht, wie es immer schon war. Gott als lebendige Grösse in der Geschichte zeigt uns, dass es dies gar nicht geben kann. Es gibt kein «es war schon immer so, so wird es immer sein». Es gibt keine von uns in den Stein gemeisselte Regeln. Es gibt aber sehr wohl eine ewige, zuverlässige und an uns gewandte Liebe Gottes. Dafür steht beispielhaft die Person Jesus von Nazareth. Man mag sich fragen: wo ist denn dieser Gott, wenn unser Leben in Trümmern liegt, wenn uns unser Selbstvertrauen  im Stich lässt?  Dafür haben die Menschen im Mittelalter ein sehr treffendes Bild gefunden. Ich meine die sogenannten Gnadenstuhldarstellungen in gewissen süddeutschen Kirchen. Es geht um eine Darstellung, auf denen der auf dem Thron sitzende Gottvater den sterbenden Sohn auf seinem Schoss hält. Auch dort ist der Herr der Welt anwesend, wo man am wenigstens mit ihm rechnen würde. Diese Darstellung bedeutet für mich immer wieder eine Quelle der Zuversicht. Es veranschaulicht genau das, was wir auch im Predigttext gehört haben: Gott IST da, egal wo ich mich auf meinem Lebensweg befinde. Und dies gibt auch heutigen Menschen Mut, in der Nachfolge der königlichen Menschen selbst entschieden zu handeln. Denn: Gottes Angesicht leuchtet über unserem Leben.

Die dritte Zeile unseres Predigttextes spricht eine andere Sprache. Es wird von einem konkreten Nutzen des Segens Gottes gesprochen. Es geht um den Frieden. Ich denke, es gibt nicht allzu viele Menschen, die den Frieden nicht schätzen würden, aber es gibt gar wenige, die dies als Lebensziel stellen würden. In unserem heutigen Predigttext wird uns eine verbindliche Zusage gemacht: Gottes Frieden IST mit uns. Konkret bedeutet dies, dass der Friede Gottes unser Leben umgibt, dass er uns die Chance gibt, anders zu denken, die Menschen und die Welt um uns herum mit anderen Augen zu sehen. Ich meine, genau dies haben wir heute nötig,- möglicherweise dringender als je zuvor. Frieden bedeute, im Sinne der Bibel eine Lebenseinstellung, welche von der Anwesenheit Gottes ausgeht, auf sein Handeln vertraut und bereit ist, in die Nachfolge zu treten.

Gottes Geist sichert uns seinen Frieden zu. Wir dürfen auch heute noch darauf vertrauen, dass der Befreier auch uns heute noch  ruft, den nächsten und übernächsten Schritt zu wagen.

Amen

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